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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

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Hofier

Es  darf  uns  selbst  nicht  wundern,  wenn  die  englischen  Schriftsteller, ­
  welche  unter  Heinrich  IV.  lebten,  auf  Seite  des  Hauses  Lancaster ­
  standen,  da,  für  Richard  Partei  zu  nehmen,  mit  der  Gefahr
verbunden  war,  geschleift,  gehängt,  ausgeweidet,  geköpft  und  dann
noch  geviertheilt  zu  werden,  das  gewöhnliche  Schicksal,  welches  in
England  die  Gegner  des  siegenden  Königsstammes  traf.  Diesem  Loose
aber  sich  auszusetzen,  musste  Jeder  gerechtes  Bedenken  tragen.
Dann  hatten  Thomas  Walsingham  und  Thomas  Holgill  von  Richard
ein  Geschenk  von  Ländereien  erhalten,  welches  sie  verloren,  wenn
sie  sich  unter  seinem  siegreichen  Gegner  dankbar  erwiesen.  Die
Klugheit  lehrte  Walsingham  Partei  gegen  seinen  Wohlthäter  zu
nehmen,  als  er  nicht  mehr  lebte,  und  für  Heinrich  zu  sein,  der  ihm
schaden  konnte.  Der  englische  Dichter  Chaucer  hatte  eine  Schwester
der  Katharina  Swynford  geheirathet,  welche  erst  Geliebte  Johann's
von  Gaunt,  dann  dessen  Gemahlin  und  somit  Stiefmutter  des  Königs
Heinricb’s  IV.  wurde.  Letzterer  bedachte  seinen  neuen  Verwandten
freigebig.  Kein  Wunder,  dass  er  auf  seine  Seite  trat.  Auch  Gower
hat  sich  der  aulgehenden  Sonne  angeschlossen.  Richard  moderte  im
Grabe,  von  ihm  war  nichts  zu  befürchten.  Als  der  König  zur  Zeit
einer  Hungersnoth  täglich  10000  Menschen  aus  der  königlichen
Küche  zu  essen  gab,  ward  ihm  von  Holinshed  daraus  ein  Vorwurf
gemacht  und  die  Sache  als  Verschwendung  des  Hofhaltes  hingestellt.
Es  ist  daher  ganz  begreiflich,  dass  wir  zeitweise  auch  zu  französischen ­
  Quellen  unsere  Zuflucht  nehmen  müssen,  da  die  einheimischen
sich  als  nichts  weniger  denn  unparteiisch  erweisen.  Nur  musste
Froissart  mit  der  grössten  Vorsicht  benützt  werden.
Wie  die  Quellen  sich  gegenseitig  ergänzen,  sind  es  auch  die
einschlägigen  Thatsachen.
Nicht  die  religiöse  Bewegung  in  den  Tagen  König  Richard’s  II.
steht  allein  und  für  sich  abgesondert  da,  nicht  die  sociale,  nicht  die
politische.  Die  deutschen  Fürsten  hatten  das  Kaiserthum  von  sich
abhängig  gemacht  und  der  Solm  Kaiser  Karl’s  IV.  sah  sich  trotz
goldener  Bulle  wiederholt  mit  Absetzung  bedroht.  Der  Kampf  zwischen ­
  dem  Königthum  und  dem  Adel  war  in  allen  Ländern  ausgebrochen, ­
  drängte  überall  zu  gleicher  Entscheidung.  Wenn  aber  die
höheren  Ordnungen  mit  einander  im  Streite  befangen  waren,  darl
man  sich  nicht  wundern,'dass  die  niederen  gleichfalls  sich  regten.
Nicht  blos  in  England,  in  Frankreich  wie  in  Flandern  rührten  sich
            
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