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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

Anna  von  Luxemburg  etc.

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worden,  dass  man  schon  aus  diesem  Grunde  gewillt  ist,  die  Sache
für  wahr  anzunehmen.  Welche  Rolle  aber  umgekehrt  unter  Anna
die  Böhmen  in  England  spielten  und  welch'  denkwürdige  und  weittragende
  Revolution  auf  englischem  Boden  durch  die  mit  der  Königin
herübergekommenen  Böhmen  veranlasst  wurde,  ist  freilich  noch  nicht
hervorgehoben  worden;  sowenig  als  welchen  Einfluss  die  harten
Leiden  der  Königin  und  ihr  früher  Tod  auf  Richard  II.  und  die  wechselvolle ­
  Entwicklung  seiner  Regierung  ausübten.
Die  zweite  Persönlichkeit  ist  Richard  selbst.
Diese  ist  dem  deutschen  Publikum  durch  Shakespeare’s  gleichnamiges ­
  Drama  hinlänglich  bekannt.  Allein  der  englische  Dichter
beschäftigte  sich  nicht  damit,  das  erschütternde  Drama  des  früheren
Lebens  dieses  unglücklichen  Fürsten  vorzuführen,  wie  es  hier  geschieht, ­
  sondern  nur  mit  seinem  Sturz  und  Untergang.  Es  ist  aber  sehr
wohl  möglich,  neben  Shakespeare's  Richard  II.  auf  das  reiche  Material ­
  so  ächt  dramatischen  Inhaltes,  wie  es  das  ganze  Leben  des  früh
gemordeten  Königs  darbietet,  noch  einen  andern  Richard  II.  zu
dichten,  und  zwar  von  ergreifendster  Wirkung.  Fast  möchte  es  selbst
leichter  sein,  einen  Richard  II.  zu  dichten,  als  ihn  historisch  zu  behandeln. ­
  Sein  Vetter  Heinrich  IV.,  der  Begründer  der  unheilvollen
Königslinie  Lancaster,  hat  ihn  nicht  blos  einmal,  er  hat  ihn  zweifach
gemordet.  Denn  um  die  Usurpation  des  Thrones  und  den  Sturz  der
Primogeniturlinie  zu  beschönigen,  wurde  Alles  aufgeboten,  diejenigen
zu  gewinnen,  welche  für  Richard  zeugen  konnten.  Natürlich,  je
düsterer  er  selbst  dastand,  desto  heller  trat  Heinrich  Bolingbroke
hervor  und  desto  gerechtfertigter  war  es,  den  rechtmässigen  Erben
Eduard’s  III.  vom  Throne  gestossen  zu  haben.  In  Richard  s  Zeit
wurzelt  der  Streit  der  weissen  und  der  rothen  Rose.  Dem  Hause
Lancaster  geschah  nur,  wie  es  selbst  dem  Sohne  des  schwarzen
Prinzen  gethan.  Da  ist  es  leicht  über  Richard's  Falschheit  zu  declamiren,
  wie  es  Erzb.  Arundel  gethan.  Aber  wer  bat  denn  ihn,
den  fröhlichen  unbefangenen  jungen  Fürsten  zum  falschen  Manne
gemacht?,  wer  ihn  gezwungen  sich  zu  verstellen,  seine  wahren
Gefühle  zu  verbergen  und  endlich  Jahre  lang  auf  den  Sturz  derjenigen ­
  zu  sinnen,  welche  ihm  das  grösste  Leid  zugefügt  hatten,
eines  Glocester,  Warwik  und  Arundel?  Es  ist  doch  Zeit  sich  auf  einen
anderen  Standpunkt  bei  Beurtheilung  Richard's  zu  stellen  ,  als  auf  den
seiner  Gegner,  des  zu  seinem  Sturze  früh  verschworenen  hoben  Adels!
            
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