Anna von Luxemburg etc.
815
kein Wunder, wenn sie daran keine Stütze fanden, als sie sich um
diese umzusehen gezwungen sahen. Als sie aber nun seihst unter
einander haderten, sich gegenseitig bekriegten und nicht blos die
Kirche, sondern auch die gesammte christliche Welt spalteten, sie
statt zu einigen nur trennten, wurden sie selbst die Urheber der Auflösung
jenes grossen mittelalterlichen Gebäudes, zu dessen Aufführung
sie Jahrhunderte voll unermesslicher Anstrengung benüthigt, zu
dessen Wahrung sie (1245) das alte Kaiserthum in den Staub gestürzt
hatten und über dessen Fortführung sie nun in Betreff der
Frage haderten, oh sie in Rom oder in Avignon, durch einen Italiener
oder einen Franzosen stattzufinden habe. Als sich nun zum Kriege
der Päpste ein Krieg des Clerus gegen sie, zum Schisma der Häupter
die „hussitische“ Bewegung unter den Geistlichen gesellte, und es
langer Zeit, schwerer Erfahrungen bedurfte, bis endlich sieb unter den
gewaltigen Schlägen der Zeit so viele Gemeinsamkeit bildete, dass
in den Concilien das Heilmittel für den Schaden gefunden wurde,
den die Päpste in der Kirche angerichtet hatten, und auch dieses
Mittel sich zuletzt der Grösse des Übels nicht gewachsen zeigte,
so trat der Untergang der alten Ordnung der Dinge mit reissenden
Schritten ein.
Das ist mit wenigen Worten gesagt der äussere Bahmen, von
welchem sich das nachfolgende Bild abhebt. Ganz abgesehen von
den Persönlichkeiten, welche darin eine Rolle finden, handelt es sich
um ein Stück Weltgeschichte, welches im äussersten nordwestlichen
Winkel von Europa sich abspielt und die Häuser Plantagenet, Luxemburg
und Valois in seinen Bereich zieht. Es wäre ein Leichtes gewesen,
auch die spanischen Wirren jener Tage in den Kreis hineinzuziehen;
ich fürchtete aber, es möchte dieses auf Kosten der Deutlichkeit
geschehen und unterliess es, Johann von Gaunt, Herzog von Lancester
auf seinen Fahrten nach Castilien das Geleit zu gehen. Wohl
hielt ich es aber für angemessen, die Darstellung der particularen
Verhältnisse Englands möglichst im Zusammenhänge mit dem allgemeinen
Gange der Dinge zu halten. Ein merkwürdiges Geschick
hatte das Reich der Angelsachsen wider seinen Willen in eine Verbindung
mit dem Continente gebracht, die einer Kette glich, von
welcher sich England nicht mehr zu lösen vermochte. Nicht blos,
dass es von da an eine französische Dynastie, die König Wilhelm's erhielt.
auch Stephan Graf von Blois, der Nachfolger König Heinrich’s I.