Über die richtige Abgrenzung der alten Geschichte etc. 587
Das Alterthum war zu Ende gekommen. Es erwies sich als eine für
sich abgeschlossene Periode, deren Ideenkreis Niemand zu erwecken
vermag, die selbst nur an einen geringen Kreis von Völkern gebunden
war, von welchen die einen in völliger Isolirung von einander
theilnamslos um das Geschick anderer und ohne einen Trieb,
auf diese einzuwirken, Jahrtausende lang ihr Einsiedlerleben fortführten,
die anderen nur vorhanden zu sein schienen, um vorausgegangene
Existenzen zu zertrümmern und auf ihren Gräbern die eigene
Grösse zu begründen. Diesem Zustande der Herrschaft der Gewalt,
der successiven Entwicklung einzelner Völker ohne Rücksicht auf ein
gemeinsames Ganzes musste ein Ende bereitet werden. Der Gedanke
einer gemeinsamen Aufgabe Aller, des Zusammenwirkens der verschiedensten
Völker zu einem Ziele musste an die Stelle der bisherigen
Isolirtheit treten; die Einheit der rohen Gewalt einer höheren, mehr
idealen Macht Platz machen; eine so viel als möglich gleichmässige
Cultur Aller auf gemeinsamer Grundlage gewonnen werden und,
während bisher die Nationalität alles war, zum Besondern und Trennenden,
sich das Allen gemeinsame, das Alle vereinigende Moment
hinzugesellen. Gelang es dem von Konstantinopel aus neuorganisirten
römischen Reiche diese fruchtbaren Ideen sich eigen zu machen, die
nationale Scheidewand niederzureissen, die bisherigen Barbaren durch
das Band des gemeinsamen Cultus an sich zu knüpfen, so gehörte
dem Römerreiche auf’s Neue die Welt; und war das Reich
vor 330 der langsame Tod der alten Welt gewesen, so feierte jetzt
das Römerreich, verjüngt durch neue Völker, durchgeistet von neuen
Ideen eine Palingenesie ohne Gleichen. Reichte aber dazu das Maass
der Einsicht nicht hin oder war der Tod schon zu weit gedrungen, der
Venvesungsprocess unaufhaltsam, so musste sich freilich über kurz
oder lang eine Scheidung zwischen den alten und den neuen christlichen
Völkern bilden, abgesehen von dem Umstande, dass ja die
antike Welt noch eine Anzahl lange behüteter Völker in ihrem
Schosse geborgen hatte, deren Stunde auch schlug, die auch einen
Antheil an der Weltgeschichte nehmen wollten, so gut wie jene
Hunnen, Avaren, Petschenegen, Tataren und Mongolen, welche von
der Mitte Asiens nach dem Westen stürmten. Die Franken nannten
sich gens autore Deo condita. Auch die Söhne Ismaels glaubten an
eine Verheissung, und hatte die alte Welt die Hebräer politisch vernichtet,
so konnte es die neue und christliche Ära treffen, sich mit