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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

v.  S  c  li  ulte

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der  Verbreitung  des  Deerets  ähnliche  Dimensionen  angenommen  hat.
Vielleicht  wendet  man  ein:  es  mögen  die  meisten  Handschriften  verloren ­
  gegangen  sein.  Ich  gestehe  aber,  dass  ich,  ohne  selbstverständlich ­
  die  Thatsache  zu  bestreiten,  dass  durch  Brand,  Verbrauch,
Vandalismus  u.  s.  w.  viele  Manuscripte  verloren  gegangen  sind,  auf
jenen  Einwand  kein  grosses  Gewicht  lege.  Einmal  nämlich  glaube  ich
überhaupt  nicht  an  die  traditionelle  Erzählung  von  solchem  Untergänge, ­
  weil  die  Menge  der  aufbewahrten  Handschriften,  so  wie  der
Umstand  dagegen  spricht,  dass  mit  Sicherheitnichtbehauptetwerden
kann,  es  sei  ein  einziges  Werk  verloren  gegangen').  Sodann  wäre
ein  Verlust  durch  Brand  u.  s.  w.  doch  immer  nur  in  beschränktem
Umfange  eingetreten.  Finden  sich  also  —  und  das  ist  der  Fall  —
von  manchen  Sammlungen  in  weiten  Ländern  keine  Handschriften,
so  darf  man  auf  geringe  Verbreitung  schliessen.  Der  wirkliche  Gebrauch ­
  der  altern  Sammlungen  zeigt  sich  viel  mehr  durch  Benutzen
für  Anfertigung  neuer  Sammlungen  zu  besonderen  Zwecken.
Hieraus  erklärt  sich  die  enorme  Zahl  von  Sammlungen  aus  dem  10.,
11.  und  Anfänge  des  12.  Jahrhunderte,  welche  noch  ziemlich  über
die  allgemein  bekannte  hinausgeht.  Für  diese  Sammlungen  bilden
bald  diese,  bald  jene  älteren  die  Quelle.  Mit  einem  Schlage  nimmt
seit  dem  Auftauchen  des  Deerets  dieser  ganze  Zweig  der  Literatur ­
  eine  andere  Gestalt  an.  Das  Anfertigen  von  Sammlungen,  die
das  im  Decrete  aufgenommene  Material  enthielten,  hörte  gänzlich
auf;  nur  das  Neue  und  das  übersehene  Alte  sammelt  man.  Selbst
das  Abschreiben  der  vorgratianischen  Sammlungen  wird  selten 2 ).
Die  eigentliche  Literatur  coneeutrirt  sich  auf  und  um  das  Decret.
Hierin  liegt  zugleich  der  Beweis  von  dessen  allgemeiner  und  unbe-*)

  Bereits  im  13.  Jahrhundert  lagen  Schriften  in  Bibliotheken  vergraben,  die  unser
Jahrhundert  zu  Tage  gefördert  hat;  die  grössten  Literarhistoriker  des  13.  und  14.
Jahrhunderts  haben  manche  Schrift  nicht  gekannt,  die  wir  kennen.  Welche
Masse  von  Handschriften  viel  benutzter  Werke  es  gab,  beweisen  die
zahlreichen  von  den  Werken  einzelner  Väter  z.  B.  mancher  Sachen  von  Augustinus
Hieronymus  u.  s.  w.
2 )  Um  ein  Beispiel  zu  geben.  Von  den  67  Codd.  ms.,  die  H  i  n  s  c  h  i  u  s  in  der
Praef.  zur  Ausg.  der  Decretulcs  Pseudoisid.  angibt,  sind  17  jünger  als  das  12.  Jahrh.
Dazu  kommt  nun  für  ältere  und  jüngere  noch  eine  Anzahl,  die  er  nicht  kennt,  das
Verhältniss  wird  aber  nicht  alterirt.  Und  doch  hatte  man  darin  besonders  eine
ziemlich  vollständige  Sammlung  der  Canones  der  alten  Concilien.
            
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