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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

Ui

Müller

Die  Summe  aller  Veränderungen,  welche  die  semitische  Ursprache. ­
  in  Betreff  der  Formen  durchgemacht  hat  und  welche
zusammengenommen  mit  dem  verschiedenen  Wortsatze  den  Unterschied ­
  zwischen  den  einzelnen  Sprachen  des  semitischen  Stammes
begründen,  kann,  abgesehen  von  den  sporadischen  Erscheinungen
der  Aspiration  und  der  Assimilation,  durchwegs  auf  den  Accent
zuriickgeführt  werden.
So  lange  als  der  Accent  seine  Stelle  auf  der  drittletzten  Silbe
behauptete,  war  der  Vocal  der  letzten  Silbe  durch  den  Gegenaccent,
welcher  auf  ihr  ruhte,  geschützt.  So  finden  wir  denn  auch  im  Arabischen, ­
  welches  die  eben  beschriebene  Aceentuation  zeigt,  die  vocalischen
  Ausgänge  der  Worte  unversehrt  erhalten.
Als  aber  der  Accent,  namentlich  hei  voealisch  schliessendeu
Formen,  von  der  drittletzten  Silbe  auf  die  vorletzte  verrückt  wurde,
ein  Process,  welcher  namentlich  innerhalb  der  nordsemilischen
Sprachen  frühzeitig  eingetreten  zu  sein  scheint,  da  zeigte  sich  eine
Reihe  von  Veränderungen  innerhalb  des  Vocalismus,  unter  welchen
folgende  als  die  wichtigsten  betrachtet  werden  können.
1.  Wurde  der  Vocal  der  betonten  Silbe  häufig  gelängt  oder
gesteigert;  i  wurde  bald  zu  i,  bald  zu  e,  u  bald  zu  ü  bald  zu  o.
2.  Der  Vocal  der  letzten  ,  auf  die  betonte  vorletzte  folgenden
Silbe  wurde  in  den  kurzen  Vocal  e  geschwächt  und  schliesslich  ganz
verflüchtigt.
3.  Der  Vocal  der  drittletzten  nun  unbetonten  Silbe  wurde,  wenn
sie  geschlossen  war,  ebenfalls  geschwächt  und  ging  dabei  a  bald  in  e,
bald  in  i  über.
So  lange  man  im  Semitischen  die  Form  ta-ktulu  „du  tödtest“
mit  dem  Accent  auf  der  drittletzten  Silbe  aussprach,  wie  dies  im
Arabischen  der  Fall  ist,  konnte  sie  sich  unversehrt  behaupten.
Sobald  aber  der  Accent  auf  die  vorletzte  Silbe  übersprang,  wie  dies
im  Nordsemitischen  bald  eingetreten  zu  sein  scheint,  entstanden  die
Formen  te-ktul,  ti-ktol,  wie  selbe  die  aramäischen  Sprachen  und  das
Hebräische  darbieten.  Ebenso  sind  hebräisch  kätal,  aramäisch  ketal
„er  hat  getödtet“,  durch  Veränderung  des  Accentes  aus  dem  im  Arabischen ­
  erhaltenen  ursemitischen  katala  (auf  der  drittletzten  Silbe
betont)  hervorgegangen.
Die  Hauptveränderung,  welche  die  Formen  des  Semitischen  im
Laufe  der  Zeit  erlitten  haben,  besteht  demnach  in  der  Zerrüttung
            
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