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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

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Müller

Wenn  ich,  trotz  der  oben  abgegebenen  Erklärung,  dass  eintentscheidende
  Lösung  dieser  Frage  heute  noch  nicht  zur  Reife  gediehen ­
  sein  dürfte,  es  dennoch  unternehme,  in  dem  vorliegenden  Aufsätze ­
  dieselbe  zu  behandeln,  so  bestimmt  mich  dazu  einerseits  der
Umstand,  dass  ich  damit  den  noch  immer  auftretenden  dilettantischen
Versuchen  Indogermanisch  und  Semitisch  für  verwandt  zu  erklären,
ein  Ziel  setzen  möchte,  andererseits  das  Bedürfniss,  diese  Frage  nach
dem  gegenwärtigen  Standpunkte  der  Sprachwissenschaft  erwogen
zu  sehen.  Vom  letzteren'  Gesichtspunkte  aus  muss  ich  freilich
gestehen,  dass  sich  in  mir  die  Überzeugung  festgesetzt  hat,  Indogermanisch ­
  und  Semitisch  seien  zwei  grundverschiedene
Sprachstämme,  deren  jeder  einen  vom  anderen  unabhängigen  Ursprung
voraussetzt  und  ich  befinde  mich  in  Betrelf  der  Sprachsehöpfuug
im  vollkommensten  Einklänge  mit  einem  der  bedeutendsten  modernen
Naturforscher,  Ernst  Hackel,  welcher  Sprache  und  Rasse  für  zwei  von
einander  unabhängige  Sphären  betrachtet  und  den  Ursprung  der
Sprache  nach  bereits  vollzogener  Rassen-Differenzirung  ansetzt.
Damit  nun  Jedermann  über  die  Berechtigung  einer  solchen
Ansicht,  womit  leider  über  manche  mit  einem  grossen  Aufwande  von
Scharfsinn  und  Gelehrsamkeit  gelieferte  Arbeiten  der  Stab  gebrochen
ist,  ein  selbstständiges  Urtheil  sich  bilden  könne;  werde  ich  beide
Sprachstämme  einer  vergleichenden  Betrachtung  unterziehen  und
dabei  so  verfahren,  dass  auch  der  sprachwissenschaftlich  nicht
Gebildete  den  von  mir  vorgebrachten  Thatsachen  mit  Leichtigkeit
folgen  kann.
            
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