Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 65. Band, (Jahrgang 1870)

96

K  v  I  c  a  1  a

alte  einfache  Form  ursprünglich  ausreichend  bezeichnete,  später
aber  nicht  mehr  genügend  zu  bezeichnen  vermochte  i).
Dies  Schicksal  traf  auch  das  ursprüngliche  Pronomen  indefinitum
qui,  quis.  Es  ist  nicht  bloss  auf  den  enklitischen  Gebrauch  beschränkt ­
  (eine  Beschränkung,  die  über  die  lat.  Sprache  hinausreicht),
sondern  auch  innerhalb  der  Grenzen  dieses  Gebrauches  erlitt  es  allmälig
  eine  sehr  bedeutende  Einbusse,  so  dass  es  im  Latein  schliesslich ­
  nur  noch  in  den  mit  si,  nisi,  ne,  mim,  quo,  quanto  eingeleiteten
Nebensätzen  sich  behauptete.  Hand  in  Hand  mit  dieser  Beschränkung ­
  gieng  die  Bildung  neuer  indefiniter  Pronomina,  wie  aliquis,
quisquam,  quisque.  Die  Tochtersprachen  giengen  weiter;  auch
aliquis  genügte  nicht  mehr,  und  so  entstand  z.  B.  alcuno,  aucun  =
aliquis  unus.
Bezüglich  der  Beschränkung  des  quis  hauptsächlich  auf  gewisse
Nebensätze  bietet  das  Slavische  eine  bemerkenswerthe  Übereinstimmung ­
  dar.  In  hypothetischen,  temporalen,  comparativen,  finalen
Nebensätzen  behauptet  sich  das  alte  einfache  Pronomen  indefinitum
k'hto,  sowie  die  anderen  entsprechenden  einfachen  indefiniten  Wörter,
während  dem  aliquis  im  Sprachgebrauche  irbktto  (böhm.  nekdu)-')

*)  So  bedürfen  die  Casusformen,  die  in  älterer  Zeit  stark  genug-  waren,  um  an  und
für  sich  verschiedene  Momente  zu  bezeichnen,  im  Laufe  der  Sprachentwicklung
einer  Stütze,  die  ihnen  durch  Präpositionen  zu  Theil  wird,  wie  z.  ß.  der  Accusativ
des  Zieles  im  Griechischen  und  Latein  später  nur  ausnahmsweise  ohne  die  Stütze
einer  Präposition  erscheint.  Einer  der  schlagendsten  Beweise  hiefür  ist  bekanntlich ­
  das  ital.  medesimo,  das  franz.  meme,  das  aus  scmet  ipsissimum  (Diez,
Lex.  s.  v.)  entstanden  ist.  Welcher  Aufwand  von  Mitteln  zur  Erreichung  eines
Zweckes,  den  die  Muttersprache  so  einfach  erreicht!
2 )  Kopitar  hat  niikzto  aus  ne  vimh  khto  (d.  i.  ncscio  quis,  böhm.  nevim  kdo)  gedeutet, ­
  welcher  Deutung  Grimm  beistimmte.  Als  Analogie  könnte  man  dafür  ausser
dem  lat.  ncscio  quis,  das  auch  die  Rolle  eines  indefiniten  Pronomen  spielt
(=  quidam),  noch  lit.  kaszkas,  gewöhnlich  kazi  kas  anführen,  das  „irgend
jemand“  bedeutet  und  aus  kas  Uno  kas  (=  wer  weiss  wer)  zusammengezogen ­
  ist  (Schleicher,  lit.  Gr.  p.  200).  Doch  glaube  ich,  dass  sich  Miklosich
(Vergl.  Gramm.  4.  ßd.  S.  88)  mit  Recht  gegen  diese  Auffassung  erklärt.  Pott,  der
Et.  F.  1,  362  ausser  den  slavischen  Wörtern,  deren  erster  ßestandtheil  ne  ist,
auch  die  lit.  nevens  (mancher),  nekurs  (jemand)  u.  a.  bespricht,  sagt:  „Das
Räthselhafte  dieser  Erscheinung  löst  sich  meines  Bediinkens  dahin  auf,  dass,
während  in  den  negativen  Formeu  wie  nikdo  =  nemo)  begrifflich  das  grössere
Gewicht  auf  die  Negation  und  ein  schwächeres  auf  das  ziemlich  gleichgültig  und
daher  indefinit  gehaltene  Pronomen  zu  fallen  scheint,  das  Umgekehrte  bei  den
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.