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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Würdigung-  des  L.  Cornelius  Sulla  als  Gesetzgeber  und  Staatsmann.  769

vertheidigte  und  rettete;  dass  er  sie  wiederherstellte,  erneuerte  und
freilich  der  Generation,  zu  welcher  Cäsar  aber  auch  Cicero  gehörte,
übergab.  Wenn  er  aber  dann  nach  einein  in  den  grössten  Feldzügen
zugebrachten  mühevollen  Leben  seine  letzten  Tage  in  Genüssen
aller  Art  beschloss,  so  darf  dieses  nicht  vom  Standpunkte  der  Apologeten ­
  Cäsar's  getadelt  werden,  dessen  Lebensende  gewaltsam  abgeschnitten ­
  wurde,  der  aber  in  Bithynien  wie  in  Alexandrien,  in  der
Jugend,  wie  im  vorgerückten  Mannesalter,  im  mithradatischen  wie  im
alexandrinischen  Kriege  sudanischen  Leidenschaften  fröhnte,  um  der
Kleopatra  willen  alle  seine  Erfolge  auf  das  Spiel  setzte.  Von  Augustus
  aber  darf  vollends,  wo  es  sich  um  sittliche  Dinge  handelt,  gar
keine  Rede  sein.  Man  weiss  nicht  was  ärger  war,  dass  er  Frauen
verführt  oder  dass  dieses  dadurch  entschuldigt  wurde,  er  habe  von
ihnen  die  Geheimnisse  ihrer  Männer  erfahren  wollen.  Hat  doch  Livia
selbst  ihm  von  allen  Seiten  Jungfrauen  zugeführt,  zu  deren  Auswahl
nach  Art  der  Sclavenhändler  er  seine  Freunde  gebrauchte  <).
Was  aber  war  denn  zuletzt  sittlicher,  die  Aufrichtung  und
Wiederherstellung  der  Republik  durch  Sulla,  der  sein  bluttriefendes
Schwert  nicht  augenblicklich  in  die  Scheide  steckte,  oder  die
gewaltsame  Erstickung  derselben  im  Blute  von  mehr  als  einer  Million ­
  Menschen  durch  Julius  Cäsar,  welcher,  noch  ehe  er  König
Rom’s  wurde,  dem  Senate  seine  Verachtung  nicht  genug  zu  erkennen
geben  konnte;  oder  endlich  jene  schauderhafte  Heuchelei  Oetavians,
der  vor  der  Schlacht  von  Actium  ein  nach  Blut  lechzender  Henker,
ebenso  treulos  als  gefühllos  war,  nachher,  als  die  Grausamkeit  am
Unrechten  Orte  gewesen  wäre,  den  Milden,  den  Apollo  spielte,  alle
Gewalten  der  Republik  an  sich  zog  und  indem  er  dem  römischen
Reiche  den  Frieden  schenkte,  den  Bürgern  die  Freiheit  stahl?
Hier  hört  aber  auch  jede  Vergleichung  zwischen  Sulla  und  Augustus
  auf.  Die  Reformen  des  ersteren  bezogen  sich  auf  Rom;  die
des  letzteren  auf  Rom  nicht  minder  als  auf  den  römischen  Erdkreis.
Jenem  fehlen  die  44  Jahre,  welche  Augustus  zu  Gebote  standen,
nicht  nur  unter  Beibehaltung  aller  Formen  die  Republik  zu  beseitigen, ­
  die  Sulla  zu  retten  gedachte,  sondern  auch  die  damalige  Gegenwart ­
  zu  überzeugen,  dass  Alles,  was  er  tliat,  zu  Rom’s  Heile  ge-*)

  Inter  duodecim  catnmitos  totideinque  puellas  accumbere  solitus  erat.  Sext.  Aur.
Viet.  epit.
            
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