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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Würdigung-  des  L.  Cornelius  Sulla  als  Gesetzgeber  und  Staatsmann.  759

unter  Waffen  gerufen  hatte.  Aber  wer  kann  läugnen,  dass  Sulla  auch
bei  dieser  ihm  durch  die  Verhältnisse  aufgenöthigten  Maßregel  hätte
stehen  bleiben  können,  während  jetzt  erst  seine  eigentliche  staatsmännische
  Befähigung  herantrat,  als  er  das  gethan  hatte,  was  er  auch
als  Militär  noth  wendig  fand,  dieBeschiitzungund  Bewachung  Italiens  als
des  Hauptlandes  des  Beiches  durch  die  siegreichen  Truppen.  Es  war
eine  grosse  Thatsache  diese  politische  Gleichstellung  Italiens,  im  Gegensätze ­
  zu  Gallia  cisalpina  und  Sicilia,  das  Resultat  zahlloser  Kämpfe,
die  endlich  die  Einheit  des  römischen  Bürgerrechtes  zur  Einheit  der
Sprache,  der  Waffen,  der  Sitten  und  Gesetze  gefügt  hatten.  Das
Nächste  war  nun  die  definitive  Regelung  des  alten  Streites  über  die
Gränzen  der  einzelnen  republikanischen  Gewalten.  Waren  alle  inneren
Unruhen  von  den  Tribunen  ausgegangen,  die  es  sich  zur  Aufgabe
gemacht  hatten,  seit  Scipio  Africanus  alle  grossen  Männer  Rom’s  zu
verfolgen,  das  Ansehen  des  Senates  zu  erniedrigen,  die  Herrschaft
eines  Volkes,  fast  ohne  Privatbesitz  aber  mit  colossal  gesteigerten
Ansprüchen  zu  erweitern,  den  Ritterstand  in  Conflict  mit  dem  Senate
zu  bringen,  so  sollte  auch  in  dieser  Beziehung  ein  für  alle  Mal  aufgeräumt ­
  werden.  Von  den  privilegirten  Blutsaugern  des  römischen  Reiches, ­
  jenen  Rittern,  welche  mit  ihrer  scheusslichen  Habsucht,  ihren
Wuchergeschäften  und  Erpressungen  die  Provincialen  zur  Verzweiflung ­
  brachten,  den  Abfall  Asiens  zu  Mithridat  auf  ihrem  Gewissen
batten,  waren  1600  durch  die  Proscription  gefallen.  Schwerlich
wurde  diesen  von  Andern  als  ihren  nächsten  Angehörigen  sehr  nachgeweint. ­
  Wenn  Sulla  diese  Schwämme,  welche  sich  am  Marke  und
Blute  des  römischen  Staates  vollgesogen  hatten,  wieder  auspresste,
so  stand  ihm  zur  Seite,  dass  diese  Personen  wegen  des  von  ihnen  bethätigten
  Mitleidens  nicht  bekannt  waren.  Doch  reconstruirte  Sulla  den
Senat  durch  Beiziehung  des  Ritterstandes  bis  auf  600  Mitglieder  >),
übergab  aber  jenem  die  Gerichte.  Es  war  die  Sühne  für  die  Verurtheilung
  des  Publius  Rutilius,  welchen  „nicht  bloss  seines  Jahrhunderts, ­
  sondern  jedes  Zeitalters  besten  Mann“  die  Ritter  zur
grössten  Betrübniss  des  ganzen  Staates  wegen  seiner  Amtsführung
in  Asien  einst  verurtheilt  hatten;  der  politische  wie  der  moralische
Schwerpunkt  sollte  wieder  in  den  Senat  verlegt  werden  wie  es  ehemals ­
  war.

*)  Senatum  ex  equestri  ordine  supplevit.  Liv.
            
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