Zur altern tirolischen Literatur. I. 623
ungeachtet aller Wirren der Zeit und aller Missgeschicke gerettet
hatte, — mit dem seiner Lieder.
Merkwürdiger Weise trägt nun die Handschrift X gerade auf
ihrem ersten Blatte die Zahl jenes Jahres, in dem sich unsers Wissens
Oswald aus der politischen Action zurückzog, in dem Anna von Ems
starb, jenes Jahres, in dem Oswald seine dreizehnjährige Einsamkeit
auf Kastelrutt und Hauenstein antrat.
Denn an der Spitze derselben steht: „Jn der iarzal tausent
vierhundert und darnach in dem zwai und dreissigosten iare an dem
nächsten samstag nach sant Augustins tag ist diss buch geticht und
volbracht worden durch mich Oswalten von Wolkenstein, ritter des
allerdurchleuchtigosten römischen Königs Sigmunds etc. rat iar. 18.“
Dass die Handschrift aber 1432 nicht abgeschlossen war, wie
uns diese Aufschrift glauben machen möchte, beweist uns Bl. 47“ die
Oswald’s bedeutendstem didaktischen Gedichte:
„Mich fragt ain ritter angevar,
der sich der weide manig iar etc.“
(W. Ausg. S. 94—105.) beigegebene Notiz:
„Anno Mo cccc° xxxviij« hec fabula completa per me Oswaldum
militem.“ von der nämlichen Hand. Unser Manuscript war somit
1432 nicht vollendet, sondern später gefertigte Gedichte wurden
auch eingetragen.
Bl. 45 b steht bei dem Gedichte:
„Jn oherland
ain hoher künig gewaltikleich gesessen“ etc.
(W. Ausg. S. 241).
Die Aufschrift: „Passio domini nostri Jhesu Christi completa
anno 36.“, undBl. 46 a findet sich dabei vorder letzten Viertelstrophe
mit rother Tinte geschrieben :
„Confundantur omnes qui nos persecuntur“, ein Wunsch, der
unserm verfolgten, gekränkten Dichter nur allzuleicht entfahren
*) Pergament, 49 Blätter in Grossfolio, dreispaltig. Initialen roth oder blau. Die
meisten Lieder sind mit Noten versehen. Diese Handschrift wurde mir auf die
freundlichste Weise vom Herrn G r a fe n Arthur von Wolkenstein zur Benützung;
anvertraut, wofür ich meinen tiefgefühlten Dank hier öffentlich ausspreche.