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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Die  Anieier  und  die  römische  Dichterin  Proba.

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Der  Humanist  Conrad  Celtes,  der  auf  seiner  italienischen  Reise
sicli  nach  Handschriften  und  Ausgaben  römischer  Classiker  eifrig
umsah.  bekam  während  seines  Aufenthalts  in  Venedig  1487  die  erste
daselbst  im  J.  1472  gedruckte  Ausgabe  des  Ausonius  mit  dem  Cento
Virgilianus  der  Proba  zu  Gesicht  und  erhielt  dadurch  nähere  Kenntniss
  von  der  Schrift  unserer  Dichterin.  Sie  erregte  bei  den  Humanisten ­
  besonderes  Interesse  vorzüglich  desshalb,  weil  eine  Frau  eine
solche  Dichtung  verfasst  hatte.  Als  er  wenige  Jahre  später  mit  der
Herausgabe  der  angeblichen  Werke  der  sächsischen  Nonne  Roswitha
sich  beschäftigte  und  seine  Absicht  dahin  ging  den  Italienern  zu  zeigen,
dass  die  Deutschen  in  der  Pflege  der  Poesie  ihnen  nicht  nachstünden,
ja  dass  sie  sogar  in  den  frühem  Jahrhunderten  der  Barbarei  schon
Musterhaftes  geleistet  hätten,  so  erachtete  er  es  für  angemessen  die
römische  Dichterin  Proba  mit  der  sächsischen  Dichterin  Roswitha  zusammenzustellen, ­
  in  der  Weise,  dass  letztere  wie  ein  Virgil  der  erstem ­
  als  Quelle  und  Muster  hätte  dienen  können.  Er  feierte  die  Glorificirung
  der  lateinischen  Poesie  im  Mittelalter  bei  den  Deutschen  in
einem  der  Roswitha  gewidmeten  Epigramm,  das  lautet:
Si  Proba  magniloquum  cogens  centone  Maronem
Atque  aluit  doctum  quos  tulerat  Latium,
Hane  nostram  legerent  Saxono  sanguine  cretam,
Nostrae  laudassent  carmine  vatis  opus.
In  der  zweiten  Zeile  ist  durch  das  Druckversehen  a  1  u  i  t  anstatt
alii  der  Sinn  entstellt,  welcher  offenbar  folgender  ist:
Wenn  Proba,  welche  die  schönen  Phrasen  Virgils  in  einem
Sammelgedichte  vereinigte,  und  andere  [derartige]  römische  Dichter ­
  [wie  z.  B.  Ausonius]  diese  unsere  sächsische  Dichterin  gelesen
hätten,  so  würden  sie  das  Werk  unserer  Sängerin  durch  ein  Gedicht
[d.  i.  durch  einen  Cento  oder  eine  Vers-Sammlung  daraus]  geloht
haben.
Der  Kern  des  Epigramms  ist  demnach  keineswegs  eine  Gleichstellung ­
  der  Proba  und  der  Roswitha  sondern  vielmehr  eine  Ver-Augustum,

  Theodosii  majoris  lilium  et  Arcadii  Augusti  fratrem.  Bei  Maittaire  Corp.
poet.  lat.  T.  II.  p.  1624,  in  der  Maxim.  Bibi.  Patr.  (Lugd.)  V.  p.  1218  und  bei
Migne,  quarti  saec.  poet.  Christ,  opp.  Paris  1846  finden  sich  auch  Abdrücke.
*)  Es  behauptet  dies  E.  Munk  (in  Lehmann’s  Magazin  f.  d.  Lit.  d.  Auslands.  Berl.  1869.
N.  10.  S.  136).  Indem  er  in  höchst  willkürlicher  Weise  aluit  in  alios,  legerent
            
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