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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Die  Anicier  und  die  römische  Dichterin  Froh«.

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der  Cento  Virgilianus  gewidmet  ist);  sie  war  Dichterin,  wie  aus  ihrem
poetischen  Epitaphium  auf  ihren  Gemahl  Petronius  Probus  entnommen
werden  kann;  in  ihrer  Umgebung  lebten  die  Dichter  Claudianus  und
Ausonius,  Freunde  ihres  Hauses,  und  ihr  Verwandter  der  fromme
Sänger  Anicius  Paulinus,  Bischof  von  Nola,  deren  poetische  Productionen
  sie  zur  Dichtkunst  angeregt  haben  konnten.  In  ihrem  früheren ­
  Lebensalter,  als  sie  wie  ihr  Gemahl  noch  dem  Heidenthum  zugethan
  war,  hatte  sie  sich  in  profanen  Dichtungen  versucht  <),  erst
später,  nachdem  sie  Christin  geworden  und  sich  eifrig  dem  Lesen
biblischer  Schriften  zugewendet,  widmete  sie  sich  der  frommen
geistlichen  Dichtung  und  zeichnete  sich  durch  Werke  der  christlichen
Wohlthätigkeit  aus,  indem  sie  wie  der  heil.  Johann  Chrysostomus,  ihr
Zeitgenosse,  berichtet,  aus  den  reichen  Einkünften  ihrer  von  ihren
Vorfahren  ererbten  asiatischen  Gütern  kirchliche  Stiftungen  und
milde  Anstalten  errichtete.
Der  Cento  Virgilianus  der  Proba,  welcher  719  Verse  umfasst,
ist  einzig  aus  Virgilianisehen  Versen  zusammengesetzt,  die  nicht  nur
aus  der  Aeneide,  sondern  auch  aus  den  Bucolicis  und  Georgiern  entnommen ­
  sind:  mit  Virgils  Worten  werden  die  Geschichten  des  alten
und  neuen  Testamentes  erzählt.  Bei  der  gewaltsamen  und  gezwungenen ­
  Anpassung  der  Phrasen  des  heidnischen  Dichters  an  die  biblischen ­
  Geschichten  mussten  Natürlichkeit  und  Klarheit  nicht  selten
darunter  leiden.  Das  Verständniss  wird  oft  nur  durch  die  Zusammenstellung ­
  mit  dem  entsprechenden  biblischen  Text  ermittelt.  Der  hl.
Hieronymus  s)  tadelt  daher  solche  biblische  Centones,  welche  nicht
geeignet  seien,  die  echte  Überlieferung  zu  bewahren;  von  gleicher
Ansicht  ging  auch  Papst  Gelasius  bei  der  Aufstellung  der  canonischen
  Bücher  aus,  indem  er  die  Centones  zu  den  apokryphen

1 )  Sie  sagt  dieses  selbst  in  dem  Vorworte  zum  Cento:
Jam  dudum  temerasse  duces  pia  foedera  pacis,
Regnandi  miseros  tenuit  quos  dira  cupido,
Diversasque  neces  regum,  crudelia  bella,
Cognatasque  acies,  pollutos  caede  parentum,
Insignes  elypeos  diverso  ex  hoste  tropaea,
Sanguine  conspersos  tulerat  quos  Roma  triumphos,
Innumeris  toties  viduatas  civihus  urbes,
Confiteor,  scripsi:  satis  est  meminisse  malorum.
a )  Hieronym.  ep.  103.  ad  Paulin.
            
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