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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Die  Anicier  und  die  römische  Dichterin  Proba.  411
Anicier,  und  diese  hofften  in  ihrem  Ehrgeiz  durch  den  mächtigen
deutschen  Kriegsführer  die  höchste  Gewalt  zu  erlangen.
Geiserich  hatte  in  seiner  veränderlichen  Politik  bald  eine  feindliche, ­
  bald  eine  friedliche  Stellung  zu  Byzanz  eingenommen,  je  nachdem ­
  ihn  die  Umstände  auf  die  eine  oder  die  andere  Seite  drängten.
Noch  zu  den  Lebzeiten  des  Kaisers  Libius  Severus  näherte  er  sich
dem  Kaiserhofe  von  Constantinopel  und  um  einen  Beweis  seiner
friedlicheren  Gesinnung  zu  geben,  sandte  er  die  in  Karthago  gefangen
gehaltene  Kaisers-Witwe  Eudoxia  mit  ihrer  jüngern  Tochter  Placidia
nach  Byzanz,  während  deren  ältere  Schwester,  die  Gemahlin  des  vandalischen
  Königsohnes  Hunerich,  in  Africa  verblieb.  Der  Kaiser  Leo
vermählte  Theodosius  des  Grossen  Enkelin  Placidia  mit  dem  Anicier
Olybrius  *),  dem  reichsten  und  angesehensten  römischen  Senator,  der
bei  der  Einnahme  Borns  durch  Geiserich  nach  Constantinopel  entflohen ­
  war 3 ),  und  zeichnete  ihn  nicht  nur  durch  den  Titel  Flavius  aus,
sondern  erhob  ihn  auch  zum  Consul  (464)  »).  So  war  der  Anicier  in
Verschwägerung  mit  dem  Kaiserhause  und  mit  dem  vandalischen
Königsgeschlechte  getreten.  Da  der  von  Constantinopel  nach  Italien
als  Kaiser  geschickte  Anthemius,  welchen  Bicimir  anfänglich  anerkannt
und  geschützt  hatte,  von  Byzanz  wie  von  dem  deutschen  Heerführer ­
  sich  unabhängig  machen  wollte,  so  verdarb  er  es  auf  beiden
Seiten  und  machte  seine  Stellung  ganz  unhaltbar.  Der  Kaiser  Leo,
welcher  im  Jahre  471  mit  dem  Anicier  Probianus  das  Consulat  geführt ­
  hatte  *),  willfahrte  dem  Ansuchen  des  Vandalenkönigs  5 )  und
erhob  den  Flavius  Anicius  Olybrius,  den  Gemahl  der  kaiserlichen ­
  Prinzessin  Placidia,  zum  Kaiser  des  Occidents.  Er  sandte  ihn
mit  einer  Flotte  nach  Italien;  und  zwar  grade  in  der  Zeit  gelangte
diese  in  die  Nähe  von  Born,  als  Bicimir  nach  einigen  blutigen
Kämpfen  mit  Anthemius  einen  Tlieil  der  Hauptstadt  erobert  hatte  e).

')  Procop.  de  hell.  Vandal.  1.  c.  S.
а )  Evagrii  hist.  eccl.  II.  7.
3 )  Fast  Consul.  ann.  404.  Fl.  Rustico  et  Fl.  Anicio  Olybrio.
4 )  Fast.  Consul.  a.  471.  Leone  Aug.  IV  et  Anicio  Probiano.  Über  Probianus  vgl.
Reines.  Syntagm.  p.  67.
5 )  Procop.  de  hello  Vand.  I.  e.  6.
б )  Hist.  Miscell.  p.  341.  Olybrius  a  Leone  Augusto  missns  ad  urbem  venit  vivoque  adhuc
  Anthemio  regiam  adeptus  est  potestatem  et  Placidiam  Valentiniani  neptem
(filiam)  principis  duxit  uxorem.  Vgl.  Evagrii  hist.  eccl.  U.  7,  u.  16.
            
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