Scherer
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Aber die Produele der Kunstpoesie erheben sieb in jener ganzen
Epoche nur wie einzelne Kirchthurmspitzen über ein unendliches
Häusermeer. Dieses Häusermeer ist für uns grossentheils freilich von
Nebel verhüllt: aber es war nichtsdestoweniger vorhanden, eine
reiche unaufhörlich gepflegte Volkspoesie, deren Träger die Spielleute.
Überblicken wir nun die geschichtliche Abfolge der Gattungen,
die sie pflegte, indem wir nur von der eigentlichen Chorpoesie und dem
Liede des rein persönlichen Interesses ahsehen. Diese haben ihre
Geschichte für sich und erfordern besondere Gesichtspunkte.
Sprichwort und Gnome (einzeln und in Reihen), ferner Räthsel
und Priamel sind uralt. Elemente des Lehrhaften, des Sinnreichen
und des Komischen waren damit gegeben.
Dazu tritt mit der Völkerwanderung die Heldensage, das
Nationalepos: das moralische Ideal der Germanen gewinnt menschliche
Ausprägung in der Poesie.
Die nun beginnende geistige Berührung mit der antiken Welt
eröffnet vermuthlich der Fabel den Eintritt. Ob schon in die Spielmannsdichtung,
bleibt zweifelhaft. Nachweisbar dies erst seit dem
zehnten Jahrhundert.
Dieses erste goldene Zeitalter des deutschen Partieularismus
(En de des 9., Anfang des 10. Jahrh.) bringt uns auch, wenn ich nicht
irre, die Novelle, den Schwank, die phantastische und willkürliche
Epik. Die Unterhaltungslitteratur ohne sittliches Ideal erhält dadurch
eine grosse Verstärkung. Auch die Legende (Georgslied, Judith) wird
wohl nur in diesem Sinne, als merkwürdige Begebenheit, unter die
Spielmannsstoffe aufgenommen. Und das historische Lied erscheint
novellistisch abgerundet i).
Inzwischen hatte sich die geistliche Litteratur in deutscher
Sprache mächtig erhoben. Sie wirkte auf die Spielmannsdichtung
ein. Ihren phantastischen Erfindungen mischte sich ein religiöser Zug
bei. Der Anonymus, den wir kennen, nimmt sogar — der erste vielleicht
— directe geistliche Lehre auf. Das Räthsel, die Gnome
werden religiös. Und wie die geistliche Poesie nicht bloss religiös, sondern
auch im Anschluss an die spätlateinische Dichtung auf Mitthei-0
Über die allgemeinen Voraussetzungen der Novelle s. Erdinannadörffer, Preuss.
Jahrb. 1870, I. S. 121 ff.