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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Scherer

3!H)

Aber  die  Produele  der  Kunstpoesie  erheben  sieb  in  jener  ganzen
Epoche  nur  wie  einzelne  Kirchthurmspitzen  über  ein  unendliches
Häusermeer.  Dieses  Häusermeer  ist  für  uns  grossentheils  freilich  von
Nebel  verhüllt:  aber  es  war  nichtsdestoweniger  vorhanden,  eine
reiche  unaufhörlich  gepflegte  Volkspoesie,  deren  Träger  die  Spielleute. ­

Überblicken  wir  nun  die  geschichtliche  Abfolge  der  Gattungen,
die  sie  pflegte,  indem  wir  nur  von  der  eigentlichen  Chorpoesie  und  dem
Liede  des  rein  persönlichen  Interesses  ahsehen.  Diese  haben  ihre
Geschichte  für  sich  und  erfordern  besondere  Gesichtspunkte.
Sprichwort  und  Gnome  (einzeln  und  in  Reihen),  ferner  Räthsel
und  Priamel  sind  uralt.  Elemente  des  Lehrhaften,  des  Sinnreichen
und  des  Komischen  waren  damit  gegeben.
Dazu  tritt  mit  der  Völkerwanderung  die  Heldensage,  das
Nationalepos:  das  moralische  Ideal  der  Germanen  gewinnt  menschliche
Ausprägung  in  der  Poesie.
Die  nun  beginnende  geistige  Berührung  mit  der  antiken  Welt
eröffnet  vermuthlich  der  Fabel  den  Eintritt.  Ob  schon  in  die  Spielmannsdichtung, ­
  bleibt  zweifelhaft.  Nachweisbar  dies  erst  seit  dem
zehnten  Jahrhundert.
Dieses  erste  goldene  Zeitalter  des  deutschen  Partieularismus
(En  de  des  9.,  Anfang  des  10.  Jahrh.)  bringt  uns  auch,  wenn  ich  nicht
irre,  die  Novelle,  den  Schwank,  die  phantastische  und  willkürliche
Epik.  Die  Unterhaltungslitteratur  ohne  sittliches  Ideal  erhält  dadurch
eine  grosse  Verstärkung.  Auch  die  Legende  (Georgslied,  Judith)  wird
wohl  nur  in  diesem  Sinne,  als  merkwürdige  Begebenheit,  unter  die
Spielmannsstoffe  aufgenommen.  Und  das  historische  Lied  erscheint
novellistisch  abgerundet  i).
Inzwischen  hatte  sich  die  geistliche  Litteratur  in  deutscher
Sprache  mächtig  erhoben.  Sie  wirkte  auf  die  Spielmannsdichtung
ein.  Ihren  phantastischen  Erfindungen  mischte  sich  ein  religiöser  Zug
bei.  Der  Anonymus,  den  wir  kennen,  nimmt  sogar  —  der  erste  vielleicht ­
  —  directe  geistliche  Lehre  auf.  Das  Räthsel,  die  Gnome
werden  religiös.  Und  wie  die  geistliche  Poesie  nicht  bloss  religiös,  sondern ­
  auch  im  Anschluss  an  die  spätlateinische  Dichtung  auf  Mitthei-0

  Über  die  allgemeinen  Voraussetzungen  der  Novelle  s.  Erdinannadörffer,  Preuss.
Jahrb.  1870,  I.  S.  121  ff.
            
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