Deutsche Studien. F.
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Nr. 28): es kommt nicht sehr viel darauf an. wann dergleichen
sich zuerst belegen lässt. Schon die Chorpoesie kannte z. B. Lobeshymnen,
vergl. Liliencron Hist. Volksl. Bd. 1, S. XXII.
Dagegen ist allerdings wichtig dass beim Anonymus, Spervogel
und ihren nächsten Verwandten das Lied das sich auf öffentliche
Zustände bezieht, ganz fehlt. Spervogels Trostlied 20, 2S kommt hier
nicht in Betracht. Die Satire auf allgemeine Gebrechen der Zeit tritt
auch nicht stark hervor. Und vollends vom politischen Lied keine
Spur.
Politische Lieder mehr persönlichen Charakters mag es immerhin
gegeben haben. Mancher Spielmann wird seinem Gönner die
Dienste eines Leibjournalisten zum Angriff auf politische Gegner geleistet
haben (vergl. oben S. 291 [9]).
Aber das leidenschaftliche Gefühl für Wohl und Wehe der
Nation und des Reiches, die dichterische Betheiligung an der hohen
Politik lag diesen Leuten niederer Abkunft gewiss fern.
Das hat erst Walther von der Vogelweide in die deutschePoesie
gebracht und nur die leichtsinnigen fahrenden Kleriker des zwölften
Jahrhunderts waren ihm in gewisser Richtung vorangegangen. Geistliche
und Adel sind eben der herrschende Stand, der politische Stand
des Mittelalters: die öffentlichen Angelegenheiten sind ihre eigenen
Angelegenheiten.
Es ist als ob dieser grosse Dichter seine Nachfolger unter den
fahrenden Spruchdichtern aus ihrer engen Sphäre zu sich heraufgehoben,
ihnen einen Hauch seines Geistes eingeblasen hätte.
Die politischen Dichtungen des dreizehnten Jahrhunderts würden
eine eigene Abhandlung erfordern. Sie sind eine Art Barometer des
patriotischen Nationalgefühles der Deutschen. Der streng bürgerliche
Charakter der Poesie, der nun eintritt, weiss in seiner particularitischen
und egoistischen Verkommenheit davon eben so wenig, wie
von dem alten schwärmerischen Frauendienst.
Dieser bürgerliche Charakter liegt aber in Spervogel
und seinen Verwandten vollkommen a u s g e b i I d et
vor.
So erscheint die politische Poesie Walthers von der Vogel weide
wie eine kurze Episode. Doch ist dies nur Schein. Schon vor ihm
geht ganz allgemein das Interesse der Kunstpoesie mit dem der
Reichseinheit und des Kaiserthums Hand in Hand.