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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

348

S  c  h  e  r  er

Rüth  Odins  an  seinen  Schützling  Loddl'afnir.  Der  Exoniensis  enthält
(Grein  2,  347)  Lehren  eines  Vaters  an  seinen  Sohn  mit  epischem
Eingang,  der  sich  wiederholt  mit  einer  Zählung  der  Riithe.  Aus  der
deutschen  Poesie  erwähne  ich  den  Faustinianus  der  Kaiserchronik
43,  22  ff.  81,  18  ff.  Diem.,  den  dritten  Theil  von  Tirol  und  Fridebrant
und  den  Winsbeken  (vergl.  wie  bei  Wirnt  293,  14  Gawein  seinen
Sohn  Wigalois  über  die  Ritterpflichten  belehrt).  Beiden  letzteren
ist  die  Anspielung  auf  Wolframs  Parzival  gemein,  und  die  Strophe
des  Winsbeken  muss  man  wohl  als  eine  Fortbildung  der  Tirolstrophe
ansehen  <).  Die  Form  der  Lehre  an  einen  jungen  Mann,  aber  mit
einheitlichem  Thema,  auch  bei  Walther  22,  32.  91,  17.
Wir  kommen  zur  eigentlichen  Gnome,  dem  Denkspruch.  Die
Überlieferung  des  Anonymus  sondert  den  mehr  weltlichen  und  allgemein ­
  moralischen  wie  29,34  vom  streng  geistlichen  und  kirchlichen
wie  28,34.  Mit  Recht,  wie  mir  scheint:  ersterer  ist  alt  und  national,
dieser  ohne  Zweifel  erst  aus  der  geistlichen  Poesie  des  eilften  und
zwölften  Jahrhunderts  übernommen.  Zur  Vergleichung  mit  beiden
Arten  ist  zunächst  Denkm.  Nr.  49  herbeizuziehen.
An  die  geistliche  Lebensregel  reiht  sich  die  kirchliche  Lehre
überhaupt  und  das  Gehet,  sowie  die  Sündenklage.  Davon  war  schon
oben  S.  288  [6J.  328  [46]  die  Rede.  Sogar  geistliche  Lieder  für  das
Volk  traten  im  dreizehnten  Jahrhundert  hinzu.
Die  weltliche  Lebensregel  zieht,  wie  wir  sahen  (S.  334  [82])
auch  die  Liebe  in  ihr  Bereich,  und  durch  individuelle  Anwendung  der
allgemeinen  Sentenz  geht  sie  ins  Liebeslied  selbst  über.
Hiermit  stehen  wir  auf  dem  persönlichen  Gebiet,  auf  dem
Boden  der  persönlichen  Interessen,  die  sich  unmittelbar  aussprechen.
Klagen  über  individuelles  Missgeschick  und  verfehltes  bedrängtes
Leben  beim  Anonymus,  bei  Spervogel,  Walther  und  manchen
anderen;  Loblieder,  Trauerlieder,  Spottlieder  (ältestes  Denkm.

*)  Die  Tirolstrophe  ist  die  sechszeilige  Schwester  der  Moroltstrophe,  also  durchweg
stumpf  gereimt  mit  einer  (ursprünglich  gewiss  meist  klingenden)  Waise  vor  der
letzten  Zeile.  Der  Winsheke  hält  sich  an  die  Grundsätze  des  dreitheiligen  Baues:
in  den  vier  ersten  Versen  muss  die  Reimfolge  aabb  der  Ordnung  abab  weichen,  um
die  Stollen  zu  ergehen,  und  das  dritte  Reimpaar  wird  saniint  der  Waise  verdoppelt:
die  erste  Hälfte  des  Doppelpaars  erhält,  um  Stollen'und  Ahgesang  zu  hinden,  den
Reim  bb\  die  zweite  Hälfte  hehiilt  c'c.  Alle  Reime  aber  stumpf  und  ebenso  die
Waisen.
            
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