Deutsche Studien. I.
337
Man kann leicht bemerken dass gewisse Weisen vorzugsweise
gewissen Gegenständen gewidmet sind. Eine andere Satzbildung
wird sieb einstellen im rhetorischen, eine andere im reflectirenden
Ton: die Länge der Verse, einfacheres oder künstlicheres Schema der
Strophe wird zunächst hiervon abhängen. Der Spruch steht der Prosa
näher.
Doch sind über das Verhältnis von Inhalt und Form in der
mittelhochdeutschen Poesie genauere Untersuchungen noch nicht angestellt.
Tiecks überfeinhörige Bemerkungen in der Vorrede zu den
'Minneliedern’ waren Träumereien, Einbildungen.
Begnügen wir uns für jetzt damit zu sagen: der Spruch ist die
Form des altdeutschen volkstümlichen Gelegenheitsgedichtes, die
in der Blütezeit der mittelhochdeutschen Litteratur nur für gewisse
Stoffe heibehalten und nur von wenigen Dichtern ausgiebig gepflegt,
für das eigentliche Liebeslied aber in der Regel mit mehrstrophigen
und sangbareren (auch tanzbaren •) Weisen vertauscht wurde.
Unter Walthers Nachfolgern scheint Reinmar von Zweter, allerdings
vorwiegend Didaktiker, noch einmal ganz zu der Art des alten
Gelegenheitsgedichtes, wie es die Spielleute handhabten, zurückzukehren.
Andere, wie der Marner, wie Konrad von Würzburg, bleiben
der Scheidung getreu: jeder Inhalt, jede Gattung hat ihre eigene
poetische Technik.
Wie und wann bei den späteren sich die Gattungen vermischen,
darüber will ich ohne Herbeiziehung der Musik keine Vermuthung
wagen. So viel lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass gegen Ende
des dreizehnten Jahrhunderts das Formgefühl abnimmt, dass jeder
beliebige Inhalt in jede beliebige Form gegossen wird.
Die Spruchtöne werden überkünstlich, und die künstlichsten
Spruchtöne werden nun auch zu epischen Gedichten gebraucht. Es
genügt an die Erzählungen vom Zauberer Virgilius Germ. 4, 237.
*) Man vergleiche die vielen Liebeslieder Ulrichs von Lichtenstein, welche als Tau/.-weisen
bezeichnet sind: es ist die überwiegende Mehrzahl aller seiner lyrischen
Gedichte. Sie werden nicht immer bloss von einem gesungen sein. Kann mau
zweifeln dass z. B. S. 443 ein Duett ist? Der Mann führt in jeder Strophe nur
einen Heim durch. Die weibliche Stimme bringt erst in ihrer zweiten Strophe die
Reime zu ihrer ersten nach. Im Schlussgesätz lösen sich beide mit ihrer Reimmanier
ab. Man ersieht zugleich aus 434, 14 ff. 442, 29, wie solche Duette aus höve schein
Gespräch (Salongespräch würden wir sagen) entstanden.
Sitzb. (I. phil.-hist. CI. LXIV. Bd. I. Hft.
22