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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Deutsche  Studien.  I.

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Man  kann  leicht  bemerken  dass  gewisse  Weisen  vorzugsweise
gewissen  Gegenständen  gewidmet  sind.  Eine  andere  Satzbildung
wird  sieb  einstellen  im  rhetorischen,  eine  andere  im  reflectirenden
Ton:  die  Länge  der  Verse,  einfacheres  oder  künstlicheres  Schema  der
Strophe  wird  zunächst  hiervon  abhängen.  Der  Spruch  steht  der  Prosa
näher.
Doch  sind  über  das  Verhältnis  von  Inhalt  und  Form  in  der
mittelhochdeutschen  Poesie  genauere  Untersuchungen  noch  nicht  angestellt. ­
  Tiecks  überfeinhörige  Bemerkungen  in  der  Vorrede  zu  den
'Minneliedern’  waren  Träumereien,  Einbildungen.
Begnügen  wir  uns  für  jetzt  damit  zu  sagen:  der  Spruch  ist  die
Form  des  altdeutschen  volkstümlichen  Gelegenheitsgedichtes,  die
in  der  Blütezeit  der  mittelhochdeutschen  Litteratur  nur  für  gewisse
Stoffe  heibehalten  und  nur  von  wenigen  Dichtern  ausgiebig  gepflegt,
für  das  eigentliche  Liebeslied  aber  in  der  Regel  mit  mehrstrophigen
und  sangbareren  (auch  tanzbaren  •)  Weisen  vertauscht  wurde.
Unter  Walthers  Nachfolgern  scheint  Reinmar  von  Zweter,  allerdings ­
  vorwiegend  Didaktiker,  noch  einmal  ganz  zu  der  Art  des  alten
Gelegenheitsgedichtes,  wie  es  die  Spielleute  handhabten,  zurückzukehren. ­
  Andere,  wie  der  Marner,  wie  Konrad  von  Würzburg,  bleiben
der  Scheidung  getreu:  jeder  Inhalt,  jede  Gattung  hat  ihre  eigene
poetische  Technik.
Wie  und  wann  bei  den  späteren  sich  die  Gattungen  vermischen,
darüber  will  ich  ohne  Herbeiziehung  der  Musik  keine  Vermuthung
wagen.  So  viel  lässt  sich  mit  Sicherheit  behaupten,  dass  gegen  Ende
des  dreizehnten  Jahrhunderts  das  Formgefühl  abnimmt,  dass  jeder
beliebige  Inhalt  in  jede  beliebige  Form  gegossen  wird.
Die  Spruchtöne  werden  überkünstlich,  und  die  künstlichsten
Spruchtöne  werden  nun  auch  zu  epischen  Gedichten  gebraucht.  Es
genügt  an  die  Erzählungen  vom  Zauberer  Virgilius  Germ.  4,  237.

*)  Man  vergleiche  die  vielen  Liebeslieder  Ulrichs  von  Lichtenstein,  welche  als  Tau/.-weisen
  bezeichnet  sind:  es  ist  die  überwiegende  Mehrzahl  aller  seiner  lyrischen
Gedichte.  Sie  werden  nicht  immer  bloss  von  einem  gesungen  sein.  Kann  mau
zweifeln  dass  z.  B.  S.  443  ein  Duett  ist?  Der  Mann  führt  in  jeder  Strophe  nur
einen  Heim  durch.  Die  weibliche  Stimme  bringt  erst  in  ihrer  zweiten  Strophe  die
Reime  zu  ihrer  ersten  nach.  Im  Schlussgesätz  lösen  sich  beide  mit  ihrer  Reimmanier
ab.  Man  ersieht  zugleich  aus  434,  14  ff.  442,  29,  wie  solche  Duette  aus  höve  schein
Gespräch  (Salongespräch  würden  wir  sagen)  entstanden.
Sitzb.  (I.  phil.-hist.  CI.  LXIV.  Bd.  I.  Hft.

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