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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

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Scherer

182,4.  183,20.  191,  23),  Hartmaim  von  Aue  gewähren  Beispiele
des  einstrophigen  Gedichtes  (obgleich  hie  und  da  zugehörige
Strophen  für  uns  verloren  sein  mögen),  und  wer  möchte  alle  Belege
aus  späteren  Lyrikern  sammeln?  Aber  specifischen  Charakter  wüsste
ich  nur  selten  nachzuweisen.  Es  sind  eben  kleinere  Stoffe  die  für
eine  umfänglichere  Behandlung  nicht  ausreichen.
Am  ehesten  verrathen  noch  Hartmanns  Einzelstrophen  eine  gewisse ­
  Besonderheit:  das  Klagelied  über  seines  Herrn  Tod  206,  10,
der  Widerruf  (208,  32)  des  fünfstrophigen  Liedes  207,  11  und  eine
kurze  höchst  einfach  gebaute  Strophe  (211,  20),  die  offenbar  zu
weiter  Verbreitung  bestimmt  war  und  dem  Kreuzzuge  zahlreiche
Theilnehmer  zuführen  wollte:  heutzutage  würde  man  ein  Flugblatt
ausgehen  lassen  oder  eine  Broschüre  schreiben.
Ganz  entsprechend  der  gewöhnlichen  Scheidung  von  Lied  und
Spruch  sind  die  drei  uns  erhaltenen  Gedichte  Bliggers  von  Steinach.
Zwei  Liebeslieder  von  zwei  und  drei  Strophen.  Ein  Spruch  in
langer  Strophe  mit  langen  Versen  (aber  doch  dreitheilig  gebaut),
streng  didaktischen  Inhaltes:  moralische  Betrachtungen,  die  sich  an
ein  Gleichniss  knüpfen.
Wenn  allen  früher  genannten  Dichtern  gegenüber  Walther  ein
so  wesentlich  anderes  Gesicht  zeigt,  so  wird  das  kein  Zufall  sein.
Der  Österreicher  stand  auf  einem  anderen  Boden.  Hier  war  mit  dem
Volksepos  die  volkstümliche  Form  der  Lyrik  und  Gnomik  länger  in
Kraft  und  kräftiger  geblieben.  Beides  wirkt  auf  ihn:  Reinmars  importirte
  Kunstpoesie  und  der  altbewahrte  Sang  der  Fahrenden.
Bei  Walther  hat  die  volkstümliche  Gelegenheitsdichtung'
grossen  Umfang  zur  Besprechung  sei  es  persönlicher,  sei  es  öffentlicher ­
  Verhältnisse,  zum  Vortrag  sei  es  allgemein  moralischer,  sei  es
christlicher  Lehren.  Aus  ihm  ist  der  Unterschied  zwischen  Lied  und
Spruch  hauptsächlich  abstrahirt.  Er  behält  für  die  Tagespoesie,
für  das  Epigramm,  für  didaktischen  Inhalt  die  Form  der  Einstrophigkeit
  grossentheils  bei.  Ohne  sich  jedoch  strenge  daran  zu  binden:  wo
der  Stoff  zu  gross  ist  um  sich  in  die  enge  Form  pressen  zu  lassen,
geht  er  ungescheut  darüber  hinaus.  Umgekehrt  können  auch  Liebeslieder ­
  in  der  Strophe  des  Gelegenheitsgedichtes  gesungen  werden,  wo
es  sich  nur  um  ein  prägnantes  Aussprechen,  nicht  um  einen  vollen
Erguss  von  Gefühlen  handelt.
Der  Bau  der  Strophe  ist  nicht  minder  durch  den  Inhalt  bedingt.
            
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