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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Deutsche  Studien.  I.

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von  anderen  als  ihren  Urhebern  wiederholt  werden.  Erst  mit  der
musikalischen  Weihe  versehen,  kann  das  Gedicht  in  jene  Gemüthsregion
  Vordringen,  in  welcher  das  uninteressirte  Wohlgefallen  zur
Herrschaft  berufen  ist.  —
Es  folgt  nun  aus  dem  momentanen  Charakter  der  Gelegenheitspoesie, ­
  dass  sie  höchst  subjectiv  sein  muss  und  den  Gegenstand  nur
einseitig  auffassen  kann.  Sie  gibt  einen  individuellen  Eindruck  wieder,
ein  persönliches  Verhältniss  zu  einem  vorliegenden  Fall,  der  Lust  oder
Unlust  erweckt,  der  zu  Lob  oder  Tadel  auffordert,  der  Freude  oder
Trauer  hervorruft,  der  zu  ernsthafter  Betrachtung  oder  zum  Lachen
bewegt.  Auch  wo  ein  Epigramm  für  die  Stimmung  von  Tausenden
das  lösende  Wort  spricht,  wird  der  Dichter  ein  Mitbetroffener  sein,
in  dem  persönlichen  Eindruck  des  Verfassers  erkennen  die  übrigen
ihren  eigenen  Eindruck  wieder.
Nimmt  man  dies  zusammen  —  das  Momentane  und  das  Subjective
  —  und  erwägt  die  'Enge  des  Bewusstseins’:  so  folgt  von
seihst,  dass  im  Grunde  nur  ein  Apertjü  zum  Ausdruck  gelangen
kann,  und  dem  ist  nur  die  Einheit  der  metrischen  Form,  nur  die  einfache ­
  Strophe  gemäss.
So  linden  wir  die  deutsche  Gelegenheitsdichtung  noch  im
zwölften  Jahrhundert,  in  den  ältesten  Liedern  unbekannter  Verfasser,
in  den  beiden  unter  Dietmar  von  Aist  überlieferten  Strophen  MF.  37,
4—29  z.  B.,  in  den  namenlosen  MF.  3,  1—4,  16  und  in  den  sogenannten ­
  Kürenbergischen.
Unter  den  letzteren  schon  das  erste  Beispiel  zweier  untrennbar
zusammenhängender  Strophen  in  dem  Liedchen  Ich  zöch  mir  einen
valken.  Aber  es  fragt  sich  ob  das  strenggenommen  noch  dieselbe
Gattung  ist,  ob  das  Lied  noch  im  eigentlichsten  Sinne  als  Gelegenheitsgedicht ­
  bezeichnet  werden  darf.  Die  Dame,  welche  darin  ihren
Gefühlen  Worte  leiht,  redet  nicht  aus  der  übermächtigen  Empfindung ­
  des  Moments  heraus,  sie  überblickt  einen  längeren  Zeitraum,
ihre  Stimmung  entspringt  aus  einer  Kette  von  Erfahrungen,  die  sie
in  bildlichem  Ausdruck  zusammenfasst.  Das  mehrstrophige  Lied
(diu  liet)  der  ritterlichen  Minnesinger  kündigt  sich  an.
Dazu  tritt  eine  innere  Verschiedenheit.
Durch  gegebene  Verhältnisse,  durch  eintretende  Ereignisse
können  entweder  vorzugsweise  des  Dichters  Wünsche  und  Interessen,
sein  persönlichstes  Wohl  und  Wehe,  oder  es  können  vorzugsweise
            
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