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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Deutsche  Studien.  I.  327
welcher  der  Zeitgenosse  des  ausgebildeten  höfischen  Minnedienstes
die  auch  von  ihm  missbilligte  Sache  hinstellt.
Der  Spruch.
Es  war  gelegentlich  schon  davon  die  Rede  (S.  288  [6],
294  [12],  297  [IS],  321  [39],  325  [43],  welche  Stelle  der  Spervogelschen
  Poesie  in  dem  grossen  geschichtlichen  Zusammenhänge
der  deutschen  Litteratur  zukomme.  Die  Sache  wäre  einer  erschöpfenden ­
  weitgreifenden  Erörterung  fähig  und  würdig,  zu  welcher
ich  hier  nur  einen  Beitrag  liefern  will.
Die  Gedichte  des  Anonymus,  Spervogels,  des  jungen  Spervogels
  und  ihrer  gleichartigen  Vorgänger  (S.  322  [40]),  Zeitgenossen
und  Nachfolger  sind  Sprüche.
Den  Begriff  des  Spruches  hat  Simrock  (zu  Walther  1,175)  in
die  mittelhochdeutsche  Poetik  eingeführt.  Was  ist  der  Spruch?
Der  Spruch  ist  gesungene  Poesie:  wie  Lied  und  Leich.
Vom  ersten  Spervogelton  steht  die  Melodie  in  der  Jenaer  Handschrift: ­
  Hagen  Minnes.  4,790”;  vierstimmig  gesetzt  beiLilieneron  und
Stade  (Lieder  und  Sprüche  aus  der  letzten  Zeit  des  Minnesanges).
Dass  singen  und  sanc  auch  von  Sprüchen,  sprechen  und  sprach  auch
von  Liedern  gesagt  wurde,  zeigt  Lachmann  über  Singen  und
Sagen  S.  7;  Wackernagel  Litteraturgesch.  S.  237  §.  70  n.  10.  —
Der  Spruch  ist  monologisch.  D.  h.  ein  einzelner  redet
darin,  er  redet  entweder  zu  sich  selbst  oder  zu  einem  zweiten  (wie
imRäthsel  und  in  Streitgedichten)  oder  zu  dem  Publikum.  Das  Chorlied ­
  scheint  ausgeschlossen.  Lachmann  a.  0.  weist  darauf  hin,  dass
in  einer  Spruchweise  Walthers  der  Ausruf  icol  üf,  sw  er  tanzen
welle  nach  der  gigen  (19,  37)  vorkomme.  Aber  das  ist  wohl,  wie
Lachmann  selbst  offen  lässt,  nur  eine  Aufforderung  zum  Tanz,  der
dann  in  einer  anderen  Weise  sollte  gesungen  und  getanzt  werden.
Überdies:  das  Tanzlied  ist  nicht  nothwendig  Chorlied,  wie  z.  B.
die  Tanzweisen  Ulrichs  von  Lichtenstein  zeigen.
Schwieriger  ist  eine  andere  Frage  und  hier  von  unmittelbarerem
Interesse:  ob  die  geistlichen  Sprüche  unseres  Anonymus  zum  Volksgesang ­
  bestimmt  waren.  Ich  glaube:  nein.  Mehrere  dieser  Strophen
zu  einem  Liede  zusammenzufassen,  wie  noch  wieder  Phil.  Wackernagel ­
  (Das  deutsche  Kirchenlied  2,  41)  thut,  geht  gewiss  nicht  an.
Und  wenn  es  anginge,  so  würde  in  29,  6  immer  nicht  ein  Chor,
            
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