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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

Deutsche  Studien.  I.

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Oder  nehmen  wir  an  ,  dass  Jemand  neuere  und  neueste  politische ­
  Geschichte  mit  Benutzung  aller  Archive,  ja  mit  Benutzung  intimster ­
  persönlicher  Aufzeichnungen  zu  schreiben  in  der  Lage  wäre;
blieben  nicht  immer  Reste  ,  bei  denen  ihn  seine  Quellen  in  Sticli
Hessen  ,  bei  denen  Combination  eintreten  müsste,  bei  denen  er
sich  zu  Hypothesen  genöthigt  sähe  und  zwar  zu  Hypothesen,  die
niemals  höher  als  bis  zu  einer  gewissen  Wahrscheinlichkeit  erhoben
werden  könnten  ?  Ja  wie  weit  sind  directe  Angaben  der  Quellen
selbst  von  Sicherheit  entfernt.  Was  für  eine  trügliche  Quelle  sind
Briefe.  Wer  denn,  auch  wenn  er  den  Willen  der  grössten  Aufrichtigkeit ­
  hat,  ist  im  Stande  über  die  Bewegungen  seiner  Seele  authentische ­
  Auskunft  zu  geben  <).
Nein,  nur  Feststellungen  einzelner  Thatsachen  in  geschichtlich
hellen  Zeiten  ,  und  Beobachtungen  und  Schlüsse,  die  ganz  ins
Grosse  geben  (wie  die  Gesetze  der  politischen  Ökonomie)  und  bei
denen  sich  vervollkommnete  Beobachtungsmethoden  der  Gegenwart
für  die  Auffassung  der  Vergangenheit  verwerthen  lassen  :  nur  dabei
können  wir  vergleichsweise  auf  Sicherheit  rechnen.
In  den  meisten  anderen  Dingen  bängt  der  Grad  der  Wahrscheinlichkeit ­
  von  dem  Masse  ab,  in  welchem  Zufälle  ausgeschlossen
sind.  Je  wunderbarer  die  Zufälle  wären,  die  wir  statuiren  müssten,
um  der  Annahme  eines  bestimmten  nothwendigen  Zusammenhanges
zu  entgehen  ,  desto  wahrscheinlicher  oder  desto  'sicherer'  —  wenn
man  will  —  wird  dieser  Zusammenhang.
Ist  es  nun  nicht  ein  höchst  wunderbarer  Zufall,  dass  die  an
sich  gar  nicht  runde  Zahl  von  Langverseh  des  Nibelungenliedes  und
der  Klage  eine  runde  glatte  Vertheilung  auf  7  Quaternionen  zulässt  —
und  dass  diese  Vertheilung  in  der  ursprünglichsten  Hs.  nahezu  erhalten ­
  ist?
Aber  nehmen  wir  die  mitgetheilten  Einwendungen  durch  ,  ich
glaube,  dass  sie  sich  Punkt  für  Punkt  widerlegen  lassen.
Zunächst  von  dem  ersten  Bedenken.  Auf  welche  Art  kommt  eine
Vertheilung,  wie  die  von  mir  angenommene,  überhaupt  zu  Stande?
Irgend  jemand  tritt  an  eine  gegebene  Menge  von  Versen  heran,  hat
eine  Art  Vertheilungsschema  im  Kopfe,  dem  er  aber  von  vornherein
eine  gewisse  Dehnbarkeit  zu  gewähren  entschlossen  ist,  und  macht

1  i  Vortrefflich  spricht  hierüber  Hennen  Grimm  Essays  S.  52  ff.

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