288
Scherer
er sich ein Haus zu bauen und dem fahrenden Lehen zu entsagen
(27, 1). Das empfindet er am schmerzlichsten, dass er im Alter nicht
einmal ein eigenes Haus besitzt (26, 33. 27, 4. 27, 11): heim
rauhesten Wetter ist er obdachlos (27, 6 ff.) und immer auf der
Fahrt (26, 28). Seine Sehnsucht ist ihm nicht erfüllt worden, er war
darin weniger glücklich als Walther von der Vogelweide.
Aber die äusserlich würdige Stellung, welche dieser Mann in
der Zeit seiner vollen Kraft eingenommen hat, trägt doch ihre Früchte.
Sie hat ihm innere Sammlung und Festigkeit gegeben. Was die
Spitze der geistlichen Poesie des 12. Jahrhunderts ausmachte, das
individuelle Schuldgefühl, wie es im Arnsteiner Marieideicli, in der
Vorau-Zwettler, in der Millstädter Sündenklage, in Heinrichs Litanei
hervortritt — das finden wir auch bei ihm, er ist mit seinem Seelenlieile
ernsthaft beschäftigt. Er habe lange, dem Teufel gedient, sagt
er, in dessen Gefangenschaft er sich befinde, und betet zum heiligen
Geist, dass er ihn erlöse (29, 6).
Dazu stimmt, dass er im Sinne der geistlichen Litteratur kurze
fromme Lehrsprüche dichtet über die Weihnachts- (28, 13), über
die Osterzeit (30, 13. 20) und ein Gebet zur Feier von Gottes Allmacht
und Allwissenheit (30, 27): aber — was Beachtung verdient —
nichts zum Preise Mariens. In der Weise der Predigt und vieler geistlicher
Gedichte beschreibt er Hölle und Himmel (28, 20. 27) und
mahnt zum Kirchenbesuch (28, 34).
Dazu stimmt seine didaktische Richtung überhaupt, ob sie sich
nun in Fabeln, Parabeln oder directer Lehre ausspricht. Insbesondere
sein Eifer für die Heiligkeit der Ehe (29, 27 ff.) und der religiöse
Ernst, mit dem er der ritterlichen Gesellschaft entgegen tritt, deren
Hauptbegriff die ere ist, und sie ermahnt daneben das Wohl der Seele
nicht zu vernachlässigen (29, 34 ff.).
Man muss die Ausgelassenheit der Carmina Burana mit solchen
Strophen vergleichen, um die gehaltenere Art des Mannes ganz zu
würdigen. Auf Seite des Laien der sittliche Ernst und die christliche
Gesinnung. Auf Seite des Klerikers die Sinnlichkeit, der Leichtsinn,
die überschäumende heidnische Lebenslust. Aber freilich dort ein
gedrücktes beengtes Gemüth und schwunglose prosaische Form. Hier
ein stolzer souveräner Geist und die Vollkraft künstlerischer Genialität.
Wenn sich aus vorstehender Charakteristik nichts ergäbe, als
dass der Verfasser der Strophen des zweiten Tones ein bejahrter