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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

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Scherer

er  sich  ein  Haus  zu  bauen  und  dem  fahrenden  Lehen  zu  entsagen
(27,  1).  Das  empfindet  er  am  schmerzlichsten,  dass  er  im  Alter  nicht
einmal  ein  eigenes  Haus  besitzt  (26,  33.  27,  4.  27,  11):  heim
rauhesten  Wetter  ist  er  obdachlos  (27,  6  ff.)  und  immer  auf  der
Fahrt  (26,  28).  Seine  Sehnsucht  ist  ihm  nicht  erfüllt  worden,  er  war
darin  weniger  glücklich  als  Walther  von  der  Vogelweide.
Aber  die  äusserlich  würdige  Stellung,  welche  dieser  Mann  in
der  Zeit  seiner  vollen  Kraft  eingenommen  hat,  trägt  doch  ihre  Früchte.
Sie  hat  ihm  innere  Sammlung  und  Festigkeit  gegeben.  Was  die
Spitze  der  geistlichen  Poesie  des  12.  Jahrhunderts  ausmachte,  das
individuelle  Schuldgefühl,  wie  es  im  Arnsteiner  Marieideicli,  in  der
Vorau-Zwettler,  in  der  Millstädter  Sündenklage,  in  Heinrichs  Litanei
hervortritt  —  das  finden  wir  auch  bei  ihm,  er  ist  mit  seinem  Seelenlieile
  ernsthaft  beschäftigt.  Er  habe  lange,  dem  Teufel  gedient,  sagt
er,  in  dessen  Gefangenschaft  er  sich  befinde,  und  betet  zum  heiligen
Geist,  dass  er  ihn  erlöse  (29,  6).
Dazu  stimmt,  dass  er  im  Sinne  der  geistlichen  Litteratur  kurze
fromme  Lehrsprüche  dichtet  über  die  Weihnachts-  (28,  13),  über
die  Osterzeit  (30,  13.  20)  und  ein  Gebet  zur  Feier  von  Gottes  Allmacht ­
  und  Allwissenheit  (30,  27):  aber  —  was  Beachtung  verdient  —
nichts  zum  Preise  Mariens.  In  der  Weise  der  Predigt  und  vieler  geistlicher ­
  Gedichte  beschreibt  er  Hölle  und  Himmel  (28,  20.  27)  und
mahnt  zum  Kirchenbesuch  (28,  34).
Dazu  stimmt  seine  didaktische  Richtung  überhaupt,  ob  sie  sich
nun  in  Fabeln,  Parabeln  oder  directer  Lehre  ausspricht.  Insbesondere
sein  Eifer  für  die  Heiligkeit  der  Ehe  (29,  27  ff.)  und  der  religiöse
Ernst,  mit  dem  er  der  ritterlichen  Gesellschaft  entgegen  tritt,  deren
Hauptbegriff  die  ere  ist,  und  sie  ermahnt  daneben  das  Wohl  der  Seele
nicht  zu  vernachlässigen  (29,  34  ff.).
Man  muss  die  Ausgelassenheit  der  Carmina  Burana  mit  solchen
Strophen  vergleichen,  um  die  gehaltenere  Art  des  Mannes  ganz  zu
würdigen.  Auf  Seite  des  Laien  der  sittliche  Ernst  und  die  christliche
Gesinnung.  Auf  Seite  des  Klerikers  die  Sinnlichkeit,  der  Leichtsinn,
die  überschäumende  heidnische  Lebenslust.  Aber  freilich  dort  ein
gedrücktes  beengtes  Gemüth  und  schwunglose  prosaische  Form.  Hier
ein  stolzer  souveräner  Geist  und  die  Vollkraft  künstlerischer  Genialität.
Wenn  sich  aus  vorstehender  Charakteristik  nichts  ergäbe,  als
dass  der  Verfasser  der  Strophen  des  zweiten  Tones  ein  bejahrter
            
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