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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 64. Band, (Jahrgang 1870)

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Scherer

Reimpaar  aus  vier  Hebungen  stumpf,  und  die  Waise  ist  (so  weit  man
urtheilen  kann)  in  der  Regel  klingend:  das  Verhältniss  von  Waise  und
Reim  also  wie  z.  R.  in  der  Nibelungenstrophe.
Wer  den  Ton  MF.  3,  7  Moroltstrophe  nennt,  legtauf  den
(wahrscheinlichen)  Unterschied  der  Waisen  kein  Gewicht  und  fasst
die  Reime  darben  :  armen,  vlizen  :  verletzen  als  zweisilbige  stumpfe
auf.  Das  ist  auch  jedenfalls  die  Entstehung  der  Strophe  (wenn  wir
von  der  Waise  absehen),  dass  in  der  gewöhnlichen  Strophe  von  vier
viermal  gehobenen  Zeilen  das  erste  Reimpaar  regelmässig  einsilbigen, ­
  das  zweite  regelmässig  zweisilbigen  Reim  bekommt.  Aber
eben  in  dieser  re  ge  1  m  äs  s  ige  n  Abwechslung  von  ein-  und  zweisilbigem ­
  Reim  liegt  die  Anerkennung  des  zweifachen  Reimgeschlechtes,
die  Entstehung  des  Unterschiedes  zwischen  männlichem  und  weiblichem, ­
  stumpfem  und  klingendem  Reim.
Die  Form  der  Waise  beruht  auf  der  altüblichen  Verlängerung
der  letzten  Zeile  der  Strophe,  welche  ihrerseits  vielleicht  aus
musikalischen  Gewöhnungen  hervorgegangen  ist  (s.  Denkm  S.  293).
Die  verlängerte  Zeile  wurde  durch  Caesur  so  getheilt,  dass  jede
Hälfte  dem  regulären  Masse  der  viermal  gehobenen  Zeile  gleich  kam.
Als  Grundform  der  Moroltstrophe  können  wir  demnach  die  gewöhnliche ­
  vierzeilige  Strophe  mit  verlängerter  letzter  hinstellen.  Und
wie  Strophen  von  vier  und  sechs  Zeilen  (zwei  und  drei  Langzeilen)  in
der  volkstümlichen  Reimpoesie  seit  ältester  Zeit  neben  einander  bestanden ­
  (Denkm.  S.  283),  so  dürfen  wir  auch  eine  sechszeilige
.Strophe  mit  verlängerter  letzter  ohne  weiters  statuiren.
Dem  Tone  MF.  3,  7  würde  nach  dem  Gesagten  eine  Strophe  zu
Grunde  liegen  etwa  von  der  Form:
4  Heb.  stumpf  a
4  Heb.  stumpf  a
3  Heb.  klingend  b
3+a:  Heb.  klingend  b.
Setzen  wir  2  statt  x,  also  3  Heb.,  so  gewinnen  wir  eine  Grundform ­
  (ich  nenne  sie  Ä),  die  sich  in  abgeleiteten  Gestalten  tatsächlich ­
  nachweisen  lässt.  Zunächst  in  der  Strophe  der  Ravennaschlacht  *)•
Die  zweite  Hälfte  ist  genau  so  geblieben  wie  in  A.  Für  die  erste
0  In  dieser  Strophe  scheint  auch  das  Gedicht  von  dem  'Bauer  der  des  Edelmanns
faule  Tochter  und  träges  Pferd  meisterte 1  ab  gefasst:  s.  Docen  Iduna  und  Herinode
1812,  S.  167.
            
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