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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Das  hiebei  beobachtete  Verfahren  trägt  den  Charakter,  der  allen
Anfängen  des  Philosophirens  eigen  ist;  das  lyrische  Element  überwiegt ­
  noch  das  dialektische  und  die  Abstractionskraft  muss  vor  den
Forderungen  und  dem  Gestaltungstriebe  der  Imagination  zurückweichen; ­
  der  Geist  glaubt  zunächst  genug  gethan  zu  haben,  wenn
er  nach  einer  Einheit  strebt,  nach  einem  Principe,  welches  im
Gegensatz  zum  Wechsel  der  Erscheinungen,  als  ein  Ruhiges,  Unsichtbares, ­
  Inneres  oder  Seelisches  gedacht  wird.
Daher  war  im  Vedanta  eigentlich  erst  der  Boden  für  die
Philosophie  geschaffen,  und  man  kann  es  desshalb  auch,  seinem
Inhalte  nach,  als  das  älteste  der  Systeme  bezeichnen,  das  später
nur  in  etwas  verändeter  Fassung  und  mit  einigen  Zusätzen  auftrat.
Die  vedantistische  Lehre,  die  man  im  Wesentlichen  als  die
Theorie  der  quietistischen  Versenkung  des  Geistes  oder
als  ein  energisches  Streben  nach  einem  Centrum  als  Ruhepunkt
bezeichnen  kann,  ist  bei  den  Brahmanen  die  vorherrschendste  geblieben, ­
  weil  sie  dem  Genius  des  Volkes  am  meisten  entspricht.  Da
das  Leben  als  etwas  Unberechtigtes  galt,  und  die  Flucht  aus  demselben ­
  als  eine  der  Bedingungen  des  Heils  syigesehen  wurde,  so  war
mit  einem  solchen  Systeme  der  Fortschritt  unverträglich,  weil  der
Boden  fehlte,  auf  dem  er  sich  hätte  entwickeln  können.  Dieselbe
Erscheinung  zeigt  sich  auch  später  im  Mönchsthum  der  christlichen
Welt.
Indessen  war  der  indische  Geist  zu  reich  organisirt,  als  dass
er  nicht  auch  hätte  andere  Richtungen  versuchen  sollen.  Dies  ergibt
sich  z.  B.  aus  dem  Auftreten  des  Sinkya-Systems,  in  welchem  Bewegung, ­
  Unterscheidung  und  Kritik  eine  wichtige  Rolle  spielen,  und
die  Möglichkeit  eines  Fortschrittes  begründen,  der  sich  sogar  —  als
er  in  der  Lehre  Budda’s  aus  dem  Gebiet  der  Theorie  ins  praktische
Lehen  überging  und,  der  brahmanischen  Kastenverfassung  gegenüber, ­
  die  Gleichheit  und  Freiheit  der  Menschen  verkündete  —  zu
einem  blutigen  Vernichtungskampfe  zwischen  Brahmanismus  und
Budd'ismus  gestaltete  und  mit  Vertreibung  des  Letztem  aus  Indien
endete.
Die  milde  menschenfreundliche  Lehre  Budda's,  aus  ihrer  Geburtsstätte ­
  verjagt,  trug  die  Keime  religiöser  Bildung  und  Gesittung
zu  den  übrigen  Nationen  des  Orients  und  erfüllte  damit  eine  ähn-
            
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