Statistische Untersuchungen über die Ehen. 479
unmündigen Kindern jene treue Pflege, deren Ersatz keine andere
Hand mehr zu bieten vermag, geraubt wird.
Aus der Grösse der Elledauer lässt sich auch die Zahl der jährlichen
Trauungen mit einiger Sicherheit bestimmen; denn je mehr
Ehen durch den Tod gelöst werden, und je kleiner demnach die Ehedauer
wird, desto mehr Trauungen werden nothwendig sein, um die
entstandenen Lücken in den stehenden Ehen wieder auszufüllen J ).
Die mittlere Ehedauer steht ferner mit der ehelichen Fruchtbarkeit
im Zusammenhänge; denn je kürzer die Ehedauer ist, desto
geringer wird auch die Zahl der innerhalb dieser Zeit erzeugten und
geborenen Kinder sein; und hiermit gelangen wir zu einem der
wichtigsten Punkte in der Erörterung der ehelichen Verhältnisse.
III. Eheliche Fruchtbarkeit.
Die Ermittelung der durchschnittlichen Grösse der ehelichen
Fruchtbarkeit, worüber die Statistiker trotz aller Versuche noch nicht
ins Klare, gekommen sind, bildet eine der wichtigsten Bestimmungen
in der Ehestatistik. Gewöhnlich sucht man die Grösse der ehelichen
Fruchtbarkeit dadurch zu berechnen, dass man die Zahl der jährlichen
Ehelichgeborenen durch die Zahl der neugeschlossenen Ehen
theilt, wodurch allerdings ein Resultat gewonnen wird, welches der
ehelichen Fruchtbarkeit beiläufig entspricht, aber gegen die Kritik
unhaltbar ist. Denn die Zahl der Ehelichgeborenen steht mit der Zahl
der jährlichen Trauungen in gar keinem causalen Zusammenhänge,
da in einer neugeschlossenen Ehe in den wenigsten Fällen auch in
dem Heirathsjahre Kinder geboren werden; es rührt nämlich die Zahl
der in Einem Jahre geborenen ehelichen Kinder nicht von den neugeschlossenen,
sondern von den früher eingegangenen und von
solchen stehenden Ehen her, deren beide Theile sich noch im reproductionsfahigen
Zustande befinden. Die eheliche Fruchtbarkeit wird
daher zunächst von dem Alter den Ehegatten dann von der Ehe-1
) Nach der allgemeinen Formel ed=oder E = —— , wobei E die Zahl der
jährlichen Trauungen bedeutet. (Bernoulli: Populationistik.)
2 ) Das mittlere Helrathsalter der Frauen berechnet Wappäus für Frankreich mit
26-1 J. und für Sardinien mit 24’4 J., die Fruchtbarkeit der Verheiratheten für
das erstere Land mit 3'67 und für das letztere mit 5 47.