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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

hemmen  seine  Bewegungen.  Es  bleibt  für  das  sentimentale  Streben
eines  solchen  Sinnes  nichts  übrig,  als  die  Einsamkeit  lind  stille  Zurückgezogenheit ­
  zu  suchen.  Ein  ländlicher  Aufenthalt  und  die  Umgebung ­
  weniger  aber  gefühlvoller  Seelen  werden  wohl  das  Ziel  des
Glückes  sein.  Was  etwa  noch  fehlt,  ergänzt  der  Genuss  der  Natur,
die  jajedem  antwortet,  was  er  ihr  zugerufen.  Es  öffnet  sich  eine  Welt
in  der  stummen  Betrachtung  i).
In  dieser  empfindsamen  Seele  wohnte  eine  Kraft  von  ungewöhnlicher ­
  Ausdauer  und  Zähigkeit.  Dieleichte  Erregbarkeit  war  eben  nicht
bloss  begleitet  von  flüchtiger  Bewegung,  sondern  sie  hatte  wie  bei
intensiven  Naturen  eine  nachhaltige  und  energische  Wirkung  im  Gefolge. ­
  Die  Ungunst  misslicher  Lagen  hatte  er  hinlänglich  erfahren,
um  Hindernisse  besiegen  zu  lernen,  der  mühsame  Lauf  des  Autodidakten ­
  dient  auch  nicht  dazu,  um  die  durch  eigene  Versuche  gestärkte ­
  Kraft  wieder  zu  schwächen:  als  er  nun  zum  Bewusstsein  der
eigenen  Kraft  gekommen  war  und  mit  stolzem  Muth  erfüllt  wurde,
da  war  er  nicht  nur  im  Stande,  bei  der  Emancipation  von  der  gewöhnlichen ­
  Lebenseinrichtung  seiner  Zeitgenossen  dem  „Was-wirdman-sagen“
  der  Welt  Trotz  zu  bieten,  sondern  auch  Werke  von  Bedeutung ­
  zu  schaffen.  Was  offenbart  doch  ein  Werk,  auf  welches  ein
zwanzigjähriges  Nachdenken  verwendet  wurde,  wenn  nicht  eine  nachhaltige ­
  Wirkung  geistiger  Kraft?
Dem  autodidaktischen  Entwicklungsgänge  seiner  Gedanken  entsprach ­
  der  autopathische  seiner  Neigungen.  Die  letzteren  hatten
durch  frühzeitige  Pflege  und  Ausbildung  eine  solche  Stärke  erlangt
und  sie  bildeten  einen  so  festen  Bestandteil  seiner  inneren  Gemüthsbeschaffenheit,
  dass  die  später  zur  Kraft  gewordene  bessere
Einsicht,  falls  sie  mit  einigen  derselben  in  Widerstreit  gerieth,  wohl
eine  Zeit  lang  aber  nicht  für  die  Dauer  zu  siegen  vermochte.  Eine
grosse  Liebe  zum  Landleben,  eine  idyllische  Sehnsucht,  das  Vergnügen ­
  an  stiller  Einsamkeit  und  isolirterBeschaulichkeit  hatten  tiefe
Wurzeln  gefasst.  Nicht  minder  aber  eine  gewisse  Lüsternheit 3 )  und
der  Wunsch  nach  Ungebundenheit  und  Unabhängigkeit.  Da  fragt  es

*)  Siehe  oben  die  im  7.  Capitel  aus  den  Bekenntnissen  angeführte  Stelle.
2 )  „Weder  mein  Herz  noch  meine  Sinne  haben  je  eine  Frau  erkennen  mögen,  die
keinen  Busen  hat“,  —  (Confess.  livr.  IX.  T.  I.  p.  215),  —  dies  ist  ein  sehr
charakteristischer  Ausspruch.
            
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