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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Lehen.

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und  schlicht 1 ).  So  einfach  wie  seine  Kleidung  warsein  Umgang.  Ein
Freund  des  Volks,  war  stolze  Herablassung  ihm  völlig  fremd.  Heiter
und  froh,  wenn  nichts  ihn  umdiisterte,  ein  überaus  liebenswürdiger
Gesellschafter 8 ),  aber  brusque  und  rauh,  wenn  trüber  Sinn  oder
heftiger  Affect  ihn  gefangen  nahmen.  Die  Liebe  zu  einsamem  und  zurückgezogenem ­
  Leben  hatte  die  Entwicklung  seines  oratorischen
Talents  gehindert  und  er  konnte  nur  selten  die  scheue  Beklommenheit, ­
  die  ihm  in  Gesellschaften  oder  Versammlungen  das  Wort  auf
der  Zunge  verstummen  machte,  überwinden,  aber  hatte  er  einmal  den
ersten  Schritt  gethan  und  verdüsterte  nichts  sein  Gemüth,  so  ergoss
er  sich  wie  ein  reissender  Strom,  dem  nichts  widersteht«).  Miene  und
Ausdruck,  Mund  und  Hände,  die  Bewegung  des  ganzen  Körpers  begleitete ­
  mit  einer  Lebhaftigkeit  das  gesprochene  Wort,  als  sollte  es
leibhaftig  vor  den  Augen  und  Ohren  seiner  Zuhörer  erscheinen 4 ).
Die  Erregbarkeit  und  Entzündlichkeit  seiner  Nerven  bedurfte
nur  eines  geringen  Anstosses,  um  sie  in  eine  rasche  und  nachhaltige
Bewegung  zu  versetzen.  Ein  leises  Wehe,  eine  unerwartete  Überraschung, ­
  eine  eingebildete  Besorgniss  macht  ihn  bis  zu  Thränen  gerührt, ­
  in  willkommener  Freude,  die  man  ihm  bereitet,  geht  er  förmlich
auf.  Welcher  Wärme  des  Gefühls,  welcher  übermässigen  Empfindsamkeit ­
  war  er  fähig!  *).  In  Lust  und  Schmerz,  in  Freude  und  Betrübniss
  ist  kein  Gradunterschied  so  gering,  dass  er  nicht  auf  den
Wiederklang  einer  Saite  seiner  erlebten  Empfindungen  hätte  rechnen
können.  Was  sage  ich:  rechnen?  Übertroffen  wurde  jeder  Empfindungsgrad ­
  durch  die  Wärme  seiner  Gefühlsregungen.  Es  wäre  nur
schlimm,  wenn  ein  so  zartbesaitetes  Wesen  seinerseits  auf  keinen
Widerklang  rechnen  könnte.  Entgegengebrachte  Kälte  wirkt  auf  dasselbe ­
  fast  wie  der  Tod  und  die  Schrauben  der  conventionellen  Formen

*)  Mercier,  De  J.  .1.  Kousseau,  T.  I.  p.  266  (S.  Petitain,  Appendice  p.  371).
*)  Mouchon  bei  Musset-Pathay,  Histoire  p.  219.
3 )  Vgl.  Dussaulx  bei  Musset-Pathay,  Histoire  p.  336.
4 )  Vgl.  Mouehon’s  Bericht  bei  Musset-Pathay,  Histoire  p.  218  f.
5 )  Mouchon,  welcher  im  Jahre  1762  in  Gesellschaft  mit  Rousseau  eine  Bergpartie
machte,  um  in  klippenreichen  Regionen  der  Alpen  zu  hotanisiren,  erzählt  Folgendes. ­
  Comine  le  plus  jeune  de  la  troupe,  j’etais  aussi  le  plus  etourdi  et  je  poussais
l  imprudence  jusqu’  a  pirouetter  sur  cette  lisiere  scahreuse.  Je  l'ai  vu  se  jeter
a  genoux  et  me  supplier  en  grace  de  ne  pas  recidiver,  parce  que  je  lui  faisais  un
mal  aifreux  (Musset-Pathay,  Hist.  p.  227).
Sitzh.  d.  phil.-hist.  CI.  LXIH.  ßd.  III.  Hft.

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