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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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liehe  Rousseau,  der,  von  Zorn  und  Ärger  und  Aufregung  getrieben,
aufseine  Feinde  Beschuldigungen  auf  Beschuldigungen  wälzt  und  sie
uns  hassenswürdig  macht;  das  ist  nicht  der  eigentliche  Diderot,  der
auf  unlautere  Weise  im  Todesjahre  Rousseau’s  eine  versteckte  Invektive
  gegen  den  ehemaligen  Freund  schleudert 1 ).  Wir  erreichen  auf
solchen  Wegen  nichts  Anderes,  als  eine  vorübergehende  Standpunktsweisheit ­
  und  es  fehlt  nichts  weiter  als  ein  eifriger  Vertheidiger
Grimm’s,  um  die  Verwirrung  vollständig  zu  machen.  Wir  werden ­
  uns  also  zu  hüten  haben,  mit  Ste.  Beuve,  wenn  auch  nur  „mit
Rücksicht  auf  Grimm“  Rousseau  die  Wahrhaftigkeit  überhaupt  abzusprechen. ­
  und  wir  werden  auf  der  Hut  sein  müssen,  nach  dem  Vorgänge ­
  eines  deutschen  Philosophen  voreilig  von  „niedriger  Gesinnung“,
„feiger  Verdächtigung“  Rousseau's  zu  sprechen  a ).  Sollen  wir  denn,
von  der  Annahme  des  Tugendhelden  zu  der  des  Bösewichts  überspringend, ­
  zwischen  so  arg  entgegengesetzten  Enden  hin-  und  hergeworfen ­
  werden?  Rousseau's  Bekenntnisse  sind  ein  verschlossenes
Buch  für  den  Nachbeter,  sie  geben  aber  auch  der  aufmerksamen  Betrachtung ­
  Hilfsmittel  an  die  Hand,  um  den  Keim  seiner  Schwächen
zu  entdecken.  Dazu  dedarfs  nicht  der  parteiischen  Schilderungen
seiner  aufgeregten  und  erbitterten  persönlichen  Feinde.
Rousseau’s  äussere  Erscheinung  war  in  besseren  Tagen  geeignet,
einen  günstigen  Eindruck  zu  machen.  Alles  an  ihm  —  so  schildert
ein  Zeitgenosse  sein  Äusseres  —  spitzte  sich  fein  zu.  Ein  schöner
Wuchs,  ein  zartes  Bein,  ein  hübscher  Fuss,  eine  lebhafte  Miene,  ein
zierlicher  Mund,  kleine  und  fast  tiefliegende  Augen,  aber  voll  Feuer.
Eine  kleine  runde  Perrücke  raubte  seinem  Gesicht  einen  seiner  bedeutendsten ­
  Züge,  die  antike  Form  der  Stirn.  Der  Klang  seiner
Stimme  war  von  bezaubernder  Lieblichkeit,  und  er  konnte  mit  vielem
Ausdruck  singen.  Sein  Anzug  war  sauber,  aber  stets  sehr  einfach
*)  In  der  Schrift  Essai  sur  la  vie  de  Seneque  le  philosophe,  sur  ses  ecrits  et  sur  Je
regne  de  Claude  et  de  Neron,  welche  gegen  Ende  des  Jahres  1778  erschien,  siehe
R  o  senkranz,  Diderot’s  Leben  und  Werke,  II.  S.  358  f.
2 )  Rosenkranz  zeiht  Rousseau  in  dem  genannten  Werke  über  Diderot  nicht  nur
„feiger  Verdächtigung“  Anderer  (I.  S.  342)  und  „niedriger  Gesinnung“  (I.  347),
er  nennt  ihn  auch  „eitel  und  kindisch“  (I.  341).  er  spricht  von  seiner  „Zweideutigkeit ­
  in  ihrer  ganzen  Kunst  biederinännischer  Verstellung“  (I.  361),  er  sagt:
„Nichts  war  ihm  unbequemer  als  Dankbarkeit“  (1.  348)  u.  s.  w.  Der  Eifer  für
Diderot  und  die  Behendigkeit  Rosenkranzens  mögen  diese  Caricaturen  einer  befangenen ­
  Parteikritik  erzeugt  haben.
            
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