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liehe Rousseau, der, von Zorn und Ärger und Aufregung getrieben,
aufseine Feinde Beschuldigungen auf Beschuldigungen wälzt und sie
uns hassenswürdig macht; das ist nicht der eigentliche Diderot, der
auf unlautere Weise im Todesjahre Rousseau’s eine versteckte Invektive
gegen den ehemaligen Freund schleudert 1 ). Wir erreichen auf
solchen Wegen nichts Anderes, als eine vorübergehende Standpunktsweisheit
und es fehlt nichts weiter als ein eifriger Vertheidiger
Grimm’s, um die Verwirrung vollständig zu machen. Wir werden
uns also zu hüten haben, mit Ste. Beuve, wenn auch nur „mit
Rücksicht auf Grimm“ Rousseau die Wahrhaftigkeit überhaupt abzusprechen.
und wir werden auf der Hut sein müssen, nach dem Vorgänge
eines deutschen Philosophen voreilig von „niedriger Gesinnung“,
„feiger Verdächtigung“ Rousseau's zu sprechen a ). Sollen wir denn,
von der Annahme des Tugendhelden zu der des Bösewichts überspringend,
zwischen so arg entgegengesetzten Enden hin- und hergeworfen
werden? Rousseau's Bekenntnisse sind ein verschlossenes
Buch für den Nachbeter, sie geben aber auch der aufmerksamen Betrachtung
Hilfsmittel an die Hand, um den Keim seiner Schwächen
zu entdecken. Dazu dedarfs nicht der parteiischen Schilderungen
seiner aufgeregten und erbitterten persönlichen Feinde.
Rousseau’s äussere Erscheinung war in besseren Tagen geeignet,
einen günstigen Eindruck zu machen. Alles an ihm — so schildert
ein Zeitgenosse sein Äusseres — spitzte sich fein zu. Ein schöner
Wuchs, ein zartes Bein, ein hübscher Fuss, eine lebhafte Miene, ein
zierlicher Mund, kleine und fast tiefliegende Augen, aber voll Feuer.
Eine kleine runde Perrücke raubte seinem Gesicht einen seiner bedeutendsten
Züge, die antike Form der Stirn. Der Klang seiner
Stimme war von bezaubernder Lieblichkeit, und er konnte mit vielem
Ausdruck singen. Sein Anzug war sauber, aber stets sehr einfach
*) In der Schrift Essai sur la vie de Seneque le philosophe, sur ses ecrits et sur Je
regne de Claude et de Neron, welche gegen Ende des Jahres 1778 erschien, siehe
R o senkranz, Diderot’s Leben und Werke, II. S. 358 f.
2 ) Rosenkranz zeiht Rousseau in dem genannten Werke über Diderot nicht nur
„feiger Verdächtigung“ Anderer (I. S. 342) und „niedriger Gesinnung“ (I. 347),
er nennt ihn auch „eitel und kindisch“ (I. 341). er spricht von seiner „Zweideutigkeit
in ihrer ganzen Kunst biederinännischer Verstellung“ (I. 361), er sagt:
„Nichts war ihm unbequemer als Dankbarkeit“ (1. 348) u. s. w. Der Eifer für
Diderot und die Behendigkeit Rosenkranzens mögen diese Caricaturen einer befangenen
Parteikritik erzeugt haben.