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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

.1.  J.  Rousseau’s  Lehen.

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Weise  ist  die  erste  Abtheilung,  in  welcher  seine  Jugendzeit  geschildert
  wird,  von  der  objectiven  Wahrheit  entfernt.  Dem  Alter  erscheint
des  Contrastes  wegen  die  eigene  Jugend  in  einem  idealisirten  Bild,
und  je  düster  das  Alter  ist,  desto  mehr  wird  die  Helligkeit  jenes
Bildes  glänzen.  Rousseau  war  nicht  nur  ein  verkannter  und  verfolgter
Mann,  er  hesass  noch  dazu  eine  grosse  Einbildungskraft.  Da  ist  es
kein  Wunder,  wenn  er  in  einem  Theile  seines  Jugendlebens  das  Ideal
menschlicher  Glückseligkeit  verwirklicht  sah.  Auf  diese  Weise  kommt
es.  dass  die  erste  Abtheilung  von  hellem  Sonnenschein  überdeckt,  die
zweite  in  düsteres  Grau  gehüllt  erscheint.
Die  beiden  Abtheilungen  waren  kaum  vollendet,  als  Rousseau
den  Entschluss  fasste,  nach  Paris  zurückzukehren  und  sich  dort  niederzulassen. ­
  Wer  sich  erinnert,  dass  Rousseau  den  Landaufenthalt  als
sein  eigentliches  Element,  die  Städte  hingegen  und  namentlich  Paris
als  Pflegstätte  geistreicher  Leerheiten  und  Schlupfwinkel  der  Laster
betrachtete,  dem  muss  diese  Übersiedlung  in  hohem  Grade  befremdlich ­
  erscheinen.  Welche  Ursache  konnte  diesen  Umschwung  herbeigeführt
  haben  und  ihn  bestimmen,  gerade  den  Ort  aufzusuchen,  den
er  für  den  Sitz  des  angeblichen  Complols  gegen  ihn  hielt?  Er
schreibt  in  einem  Briefe  vom  6.  April  1770:  Mich  rufen  Ehre  und
Pflicht  >).  Da  Rousseau  jede  weitere  genauere  Angabe  unterlässt,  so  kann
dieFrage  erhoben  werden,  ob  er  denn  seineEhre  dareingesetzt  habe,
die  öffentliche  Aufmerksamkeit  zu  erregen  und  mit  Hilfe  des  neuen
Werkes  sich  bewundern  zu  lassen? 3 ).  Man  mag  indessen  die  Schwa-(siehe
  oben),  ferner  an  seine  Sonderbarkeiten,  seine  moralische  Einbildung
trotz  des  lüsternen  Hanges,  und  es  wird,  wie  mir  scheint,  nicht  nur  jener  Bruch,
sondern  auch  das  falsche  Licht,  in  welchem  er  alle  seine  ehemaligen  Freunde
darstellte,  erklärlich  werden.  Rosenkranz  hat  sich,  Ste.  Beuve  behend  folgend,
in  seinem  Werk  über  Diderot  das  schlechte  Verdienst  erworben,  auf  Grundlage
tendentiöser  Schriften  über  Rousseau’s  Zerwürfnisse  und  Reibungen  mit  seinen
ehemaligen  Freunden  der  falschen  Beurtheilung  dieses  Mannes  gute  Dienste  erwiesen ­
  zu  haben.  Es  wäre  endlich  Zeit,  statt  Memoiren-Klatsch  in  den  Vordergrund ­
  zu  drängen,  vor  allem  daran  zu  denken,  dass  der  Mann  grosse  Leistungen
aufzuweisen  hat  und  dass,  worauf  diese  Abhandlung  hinweisen  wollte,  dergleichen
Arbeiten  nicht  denkbar  sind  ohne  edlen  Kern.
*)  T.  IV.  p.  817:  Ne  parlons  plus  de  Chamberi;  ce  n’est  pas  ln  oü  je  suis  appele.
L’honneur  et  le  devoir  crient;  je  irentends  plus  que  leur  voix.
2 )  ln  den»  Grunde,  de  ranimer  l’attention  publique,  erblickt  Petita  in  (Appendice
p.  360)  das  Motiv  Rousseau’s.  Er  fügt  zwar  die  Worte  bei:  on  voit  percer  cetfe
intention  seerete  dans  plus  d’un  passage  de  sa  correspondence  a  rette  epoque,
            
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