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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

dauernde  Verbindung  erwarten?  Lässt  sich  aber  auch  der  voreilige
Schluss  ziehen:  die  abget'allenen  Freunde  seien  die  geheimen  Verfolger ­
  geworden?  Der  Umstand,  dass  Rousseau  ein  religiöser  und
politischer  Freidenker  war,  ist  ein  vollkommen  ausreichender  Erklärungsgrund ­
  für  seine  Verfolgung  und  es  bedurfte  dazu  der  Hilfe  seiner ­
  Freunde  nicht,  um  sie  ins  Werk  zu  setzen.  Es  war  freilich  lächerlich, ­
  den  Einfluss,  welchen  Rousseau's  Anschauungen  auf  die  zukünftige ­
  Entwicklung  der  allgemeinen  Anschauung  nehmen  würden,  durch
Verfolgung  des  Urhebers  abzuschneiden,  aber  wann  bat  sich  ein
reactionäres  Bestreben  je  um  die  Zukunft  bekümmert?
Die  Verfolgungen  brachten  in  Rousseau  ausser  Mutlosigkeit  und
dem  Gedanken  an  ein  angebliches  Complot  noch  eine  andere  Wirkung ­
  hervor.  Erlittenes  Unglück  macht  furchtsam;  gewolltes  Unglück,
das  Jemand  erlitten,  erzeugt  Misstrauen.  Rousseau  hat  in  den  Jahren
von  1765  —1770  an  verschiedenen  Orten  in  England  und  Frankreich
sich  aufgehalten  und  fast  überall  neue  Verbindungen  augeknüptt,
aber  keine  hatte  langen  Bestand,  keine  vermochte  das  wachsende
Misstrauen  surückzuhalten.  Alle  entgegengebrachte  Aufrichtigkeit
half  nichts,  der  Isolirtheit  und  dem  bleibenden  Trübsinn,  in  welchen
Rousseau  gerathen  musste,  vorzuheugen.  Doch,  es  soll  der  Darstellung ­
  seiner  letzten  Lebenszeit  nicht  vorgegriffen  werden.
Rousseau  ging  über  Strassburg,  wo  er  eine  sehr  günstige  Aufnahme ­
  fand  unter  dem  Schutze  des  Prinzen  vou  Conti  nach  Paris,
Strassen  und  Laster  sehen,  keinen  Glauben  haben,  aber  nicht  begreife  ich  es,
warum  Landbewohner  und  besonders  einsame  Menschen  keinen  haben  können.
Wie  erhebt  sich  nicht  ihre  Seele  hundertmal  des  Tags  jauchzend  zu  dem  Urheber
der  Wunder,  die  vor  ihren  Augen  liegen  ?“  —  Diderot  hingegen  sagt  (Rosenkranz, ­
  Diderot’s  Leben  und  Werke,  I.  S.  143):  „Ich  habe  mit  der  Natur  angefangen, ­
  welche  sie  dein  Werk  genannt  haben;  und  ich  werde  mit  dir  endigen,
dessen  Namen  auf  der  Erde  Gott  ist.  O  Gott!  ich  weiss  nicht,  ob  du  bist;  aber
ich  werde  denken,  als  ob  du  in  meine  Seele  blicktest;  ich  werde  handeln,  als  ob
ich  vor  dir  waudelte.  Ich  verlange  von  dir  nichts  in  dieser  Welt,  denn  der  Lauf
der  Dinge  ist,  wenn  du  nicht  bist,  durch  sich  selbst,  oder,  wenn  du  bist,  durch
dein  Gebot  nothwendig“.  Dieser  Gegensatz  beider  Männer  ist  fast  so  gross,  als
der  Unterschied  —  man  erlaube  den  Vergleich  —  zwischen  antikem  und  modernem
Standpunkt.  Man  messe  doch  die  Entfernung  zwischen  dem  Satze  Platon’s:  Die
Philosophie  hat  keinen  andern  Anfang  als  die  Verwunderung,  —  und  dem  Satze
Herbart’s:  Aller  Weisheit  Anfang  ist  der  Zweifel.
l )  Musset-Patha  v,  Histoire  p.  236  f.  „Partout  un  accueil  obligeant  et  empresse“,
sagt  G.  Petitain  in  seinem  Appendice  aux  Confessions  de  J.  J.  Rousseau,  abgedruckt ­
  in  Rousseau’s  Werken,  I.  p.  351.
            
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