Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

.1.  .1.  Rousseau’«  Leben.

453

aucli  als  der  mächtigste,  so  doch  nicht  als  der  einzige  Verfolger.  Seitdem ­
  das  ehemalige  Freundschaftsband  Rousseau’s  mit  der  Frau  von
Epinay  und  Grimm,  den  er  in  seinen  Confessions  die  Rolle  eines  arroganten ­
  Schmarotzers  spielen  lässt,  durch  eine,  wie  er  glaubte,  von
beiden  angestiftete  boshafte  Intrigue  zerrissen  worden  war,  seitdem
er  mit  Diderot  gebrochen  und  ehemals  befreundete  Männer  wie  Dalembert,
  Voltaire,  Vernes,  der  Abbe  de  Mably  >)  u.  A.  seine  Feinde
geworden  waren,  gewann  der  Gedanke  in  ihm  immer  grössere  Wahrscheinlichkeit, ­
  alle  Verfolgungen,  die  er  erduldet  oder  noch  zu  erdulden ­
  hatte,  seien  die  Wirkungen  eines  Complots,  welches  seine  angebichen
  Freunde  gestiftet  hatten 2 ).  Er  hat  diesen  Gedanken  bis  zu
Iseinem  Lebensende  nicht  mehr  aufgegeben.  Denkt  man  freilich  an
zusammentreffende  Umstände  und  eine  möglicher  Weise  daraus  abgeleitete ­
  Combination,  d.  h.  erwägt  man  die  gleichzeitigen  Verfolgungen ­
  und  Anfeindungen  nach  der  Veröffentlichung  des  Emile  und
die  geschäftige  Einbildungskraft  Rousseau's,  so  kann  die  Annahme
eines  verursachenden  Complots  in  den  Augen  Rousseau’s  immerhin ­
  als  etwas  Natürliches  erscheinen.  Aber  es  fehlt  viel,  dass
desshalb  wirklich  das  Complot  die  Ursache,  die  Verfolgungen  die
Wirkung  seien.  Rousseau  stand  durch  Charakter,  Lebensweise,  die
Liehe  zur  Einsamkeit,  d.  h.  die  Neigung  sich  zu  isoliren,  durch  Sonderbarkeiten, ­
  welche  seit  seinem  Aufenthalte  in  der  Schweiz  sogar
in  der  Kleidung  sich  verriethen  s),  endlich  das  Wichtigste  von  allem,
durch  seine  Anschauung  mit  seinen  wirklichen  und  angeblichen
Freunden  in  einem  sehr  starken  Gegensätze 4 ).  Lässt  sich  da  eine

*)  Eifersucht  auf  die  grössere  Gloire  Rousseau's  war  ein  keineswegs  unwesentlicher
Grund  hievon.  Der  Abbe  von  Mably,  der  Oheim  von  Rousseaü's  einstigen  Zöglingen
in  Lyon,  hatte  die  Lettres  öerites  de  la  montagne  das  „aufrührerische  Geschrei
eines  zügellosen  Demagogen“  genannt  (Confess.  I.  p.  328).
2 )  A.  a.  0.  p.  310:  Des  le  lendemain  de  mon  depart  (nämlich  aus  Montmorencv  im
Jahre  1762),  j’oubliai  si  parfaitement  tout  ce  qui  venoit  de  se  passer,  et  le  parlement,
  et  madame  de  Pompadour,  et  M.  de  Choiseul,  et  Grimm,  et  d’Alembert,  et
leurs  complots,  et  Jeurs  complices.
8 )  Er  kleidete  sich  auf  armenische  Art,  a.  a.  0.  I.  p.  317.
4 )  Es  mag  für  die  entgegengesetzte  Anschauung  Rousseau's  und  Diderol’s  ein  Beispiel
angeführt  werden.  Der  erstere  sagt  (Confess.  livr.  XII.  p.  341):  „Ich  kenne  kein
würdigeres  Opfer  für  die  Gottheit  als  die  schweigende  Bewunderung,  welche  die
Betrachtung  ihrer  Werke  erweckt  und  die  sich  in  keiner  ausgesprochenen
Handlung  kundgibt.  Ich  begreife  es,  dass  die  Stadtbewohner,  welche  nur  Mauein
Sitzb.  d.  phil.-hist.  CI.  LXIII.  Bd.  111.  Hft.  30
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.