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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau's  Lehen.

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welche  ihm  das  Leben  verbitterten?  Darunter  hatte  er  zwar  zu  leiden
und  eine  Intrigue  boshafter  Art  hatte  zur  Folge,  dass  er  mitten  im
Winter  von  1’Hermitage  nach  Montmorency  übersiedelte  i).  Aherauch
Kränkungen  dieser  Art  vermochten  keine  bleibende  Verstimmung  in
seinem  Gemüthe  zu  erzeugen.  Was  also  war  es  denn?  Dem  Leser  dieser
Schrift  ist  es  nicht  unbekannt,  dass  Rousseau  von  seinem  eigenen  moralischen ­
  Werthe  im  hohen  Grade  eingenommen  war.  Er  hielt  sich
stets  für  den  besten  Menschen  3 )  und  hat  diese  hohe  Meinung  von
sich  unverändert  behalten.  Es  wäre  weniger  schlimm,  dass  Rousseau
überhaupt  diese  Meinung  über  sich  seihst  äusserte,  statt  sie  Andern
zu  überlassen,  wenn  sie  nicht  mit  seinen  Handlungen  im  Widerspruch ­
  wäre.  Aber  Diebstähle,  deren  er  seine  Jugend  anklagen
muss,  die  Behandlung  seiner  Kinder,  die  er  in  der  Absicht  seinen
Freunden  mittheilte,  um  in  ihren  Augen  nicht  besser  zu  erscheinen,
als  er  in  der  That  sei,  der  lüsterne  Sinn,  der  doch  so  wesentliche
Hilfe  leistete  3 ),  dass  er  in  seinem  45.  Lebensjahre,—  ein  überjähriger
Galan,  —  noch  einmal  in  Liebesschwärmerei  versank,  —  diese  Thatsachen
  lassen  der  Vermuthung  grossen  Raum,  dass  jene  Meinung,
auch  wenn  sie  nur  im  relativen  Masse  verstanden  wird  4 ),  von  manchem
stillen  und  unbekannten  Gemüthe  seiner  Zeit  dürfte  Lügen  gestraft
werden.  Es  mag  sein,  dass  er  selbst  den  Widerspruch,  in  welchem
die  vorgefasste  Meinung  von  der  eigenen  moralischen  Höhe  mit  seiner
Handlungsweise  sich  befand,  wenig  fühlte:  um  so  mehr  fühlten  ihn
Andere,  und  darunter  seine  Freunde.  Es  war  nicht  anders  möglich,
als  dass  die  Diderot,  Dalembert,  Holbach,  Mad.  d'  Epinay,  Grimm  u.A.
bei  einem  Manne,  dessen  Schwächen  sie  sahen,  der  die  Behandlung
seiner  Kinder  freiwillig  mittheilte  5 ),  an  eine  moralische  Höhe  nicht

1 )  I.  p.  249  f.  Rousseau  war  wenigstens  in  Folge  seiner  Leichtgläubigkeit  innerlich
überzeugt,  dass  es  eine  Intrigue  Grimms  sei.
2 )  Dies  sind  seine  eigenen  Worte:  moi  qui  me  suis  cru  toujours,  et  qui  me  crois
encore,  ä  tout  prendre,  le  meilleur  des  hommes  (I.  p.  272).  Vgl.  oben  die  Einleitung ­
  und  das  5.  Capitel.
3 )  Rousseau  spricht  selbst  von  seinen  sens  si  combustibles  und  seinem  coeur  tout
petri  d’amour,  I.  p.  222.
4)  Zu  jenem  Anmerkung  2  angeführten  Satze  wird  nämlich  der  Zusatz  gemacht  :
(je  sentois),  qu’il  n’y  a  point  d’interieur  humain,  si  pur  qu’il  puisse  etre  qui  ne
recele  quelque  vice  odieux.
5 )  I.  p.  246:  J’en  instruisis  cependant  mes  amis,  uniquement  pour  les  en  instruire,
pour  ne  pas  paroitre  ä  leurs  yeux  meilleur  que  je  n’etois.
            
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