J. J. Rousseau's Lehen.
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welche ihm das Leben verbitterten? Darunter hatte er zwar zu leiden
und eine Intrigue boshafter Art hatte zur Folge, dass er mitten im
Winter von 1’Hermitage nach Montmorency übersiedelte i). Aherauch
Kränkungen dieser Art vermochten keine bleibende Verstimmung in
seinem Gemüthe zu erzeugen. Was also war es denn? Dem Leser dieser
Schrift ist es nicht unbekannt, dass Rousseau von seinem eigenen moralischen
Werthe im hohen Grade eingenommen war. Er hielt sich
stets für den besten Menschen 3 ) und hat diese hohe Meinung von
sich unverändert behalten. Es wäre weniger schlimm, dass Rousseau
überhaupt diese Meinung über sich seihst äusserte, statt sie Andern
zu überlassen, wenn sie nicht mit seinen Handlungen im Widerspruch
wäre. Aber Diebstähle, deren er seine Jugend anklagen
muss, die Behandlung seiner Kinder, die er in der Absicht seinen
Freunden mittheilte, um in ihren Augen nicht besser zu erscheinen,
als er in der That sei, der lüsterne Sinn, der doch so wesentliche
Hilfe leistete 3 ), dass er in seinem 45. Lebensjahre,— ein überjähriger
Galan, — noch einmal in Liebesschwärmerei versank, — diese Thatsachen
lassen der Vermuthung grossen Raum, dass jene Meinung,
auch wenn sie nur im relativen Masse verstanden wird 4 ), von manchem
stillen und unbekannten Gemüthe seiner Zeit dürfte Lügen gestraft
werden. Es mag sein, dass er selbst den Widerspruch, in welchem
die vorgefasste Meinung von der eigenen moralischen Höhe mit seiner
Handlungsweise sich befand, wenig fühlte: um so mehr fühlten ihn
Andere, und darunter seine Freunde. Es war nicht anders möglich,
als dass die Diderot, Dalembert, Holbach, Mad. d' Epinay, Grimm u.A.
bei einem Manne, dessen Schwächen sie sahen, der die Behandlung
seiner Kinder freiwillig mittheilte 5 ), an eine moralische Höhe nicht
1 ) I. p. 249 f. Rousseau war wenigstens in Folge seiner Leichtgläubigkeit innerlich
überzeugt, dass es eine Intrigue Grimms sei.
2 ) Dies sind seine eigenen Worte: moi qui me suis cru toujours, et qui me crois
encore, ä tout prendre, le meilleur des hommes (I. p. 272). Vgl. oben die Einleitung
und das 5. Capitel.
3 ) Rousseau spricht selbst von seinen sens si combustibles und seinem coeur tout
petri d’amour, I. p. 222.
4) Zu jenem Anmerkung 2 angeführten Satze wird nämlich der Zusatz gemacht :
(je sentois), qu’il n’y a point d’interieur humain, si pur qu’il puisse etre qui ne
recele quelque vice odieux.
5 ) I. p. 246: J’en instruisis cependant mes amis, uniquement pour les en instruire,
pour ne pas paroitre ä leurs yeux meilleur que je n’etois.