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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

Rousseau  uur  im  schriftstellerischen  Wirken  besteht,  ohne  ein  tief
liegendes  Wohlwollen  alles  Thun  eitel  Bemühen  ist  i).
Der  Umfang  und  die  Menge  der  Arbeiten,  welche  Rousseau  in
1’  Hermitage  und  Montmorency  in  dem  kurzen  Zeitraum  von  17S6  bis
1762,  der  Hauptperiode  seines  Lehens,  vollendete,  kann  leicht  in
Erstaunen  setzen.  Ein  ungewöhnliches  Mass  geistiger  Kraft  und  ein
Ungewöhnlicher  Grad  von  anhaltender  Regsamkeit  und  Arbeitslust
müssen  in  diesem  Manne  geschlummert  haben!  Indessen  lässt  sich
aus  diesen  Gründen  nur  die  Menge  der  Arbeiten,  noch  nicht  ihr  Werth
erklären.  Der  Zweck,  den  Rousseau  bei  seinem  Schaffen  verfolgte,  wird
auch  für  den  letztem  einzustehen  bereit  sein.  Wer  die  Höhe  des
Zwecks,  welchen  Rousseau  in  den  meisten  Arbeiten,  zum  Theile  sogar
in  der  Neuen  Heloise  verfolgte,  erwägt,  der  wird  auch  die  moralische
Kraft,  welche  hei  allen  Schwächen  ihm  innewohnte,  nicht  unterschätzen. ­
  Wenn  die  Zeit  seiner  innern  Reform  seine  moralische  Kraft
nicht  gestärkt  hätte  und  die  aufgeführten  Werke  keinen  Beweis
dafür  lieferten:  wo  wären  dann  ihre  Spuren?
Man  sollte  glauben,  eine  Lebensperiode,  die  so  fruchtbar  war  an
Werken  von  Bedeutung,  die  Beweise  einer  so  starken  Denkkraft  an
den  Tag  legte,  werde,  da  ja  erhöhte  Regsamkeit  von  erhöhtem  Frohsinn ­
  begleitet  zu  sein  pflegt,  eine  Periode  freudigen  Schaffens  und
frohen  Muthes  gewesen  sein:  nichts  weniger  als  dies.  Der  Leser  der
Bekenntnisse  weiss  recht  wohl,  dass  sehr  wenig  frohe  Stunden  gerade
diese  grösste  Periode  seines  Schaffens  begleiteten 2 ).  Woher  diese
seltsame  Erscheinung?  War  es  etwa  seine  Krankheit,  welche  ihm
den  grossen  Kummer  verschaffte?  Das  muss  verneint  werden.  Es  gab
in  ihrem  Verlauf  Unterbrechungen  und  Rousseau  seihst  berührt  den
etwa  daraus  hervorgehenden  Kummer  wenig.  Oder  war  es  Zurücksetzung, ­
  Nichtanerkennung  seiner  Verdienste,  die  ihn  kränkten?
Nein!  Er  fand  in  der  ganzen  gebildeten  Welt  theilnehmende  Leser
und  feurige  Anhänger.  Oder  waren  es  Intriguen  boshafter  Menschen,

*)  Der  Werth  der  Persönlichkeit  und  der  Werth  der  Leistung  sind  zweierlei  Dinge.
Für  den  Werth  der  Persönlichkeit  eines  Mannes  —  an  diesem  Gedanken  habe
ich  bei  Behandlung  dieser  ganzen  Materie  grundsätzlich  festgehalten,  —  ist  in
erster  Linie  das  Motiv  entscheidend,  nicht  das  Werk.  Es  werden  Irrthümer  auch
in  guter  Absicht  gelehrt  und  verbreitet.
*)  ln  den  Confessio  ns  herrscht  vom  9.  Buche  angefangen  ein  larmoyanter  Ton,
welcher  bis  zum  Schlüsse  unverändert  bleibt.
            
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