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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J  Rousseau's  Leben.

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nach  jenes  gründliche  Heilmittel  erblicken,  dessen  seine  Zeit  bedurfte ­
  i);  und  so  verwandelte  sieb  ihm  die  Frage,  auf  welche  Weise
und  durch  welche  Mittel  die  herrschenden  Sitten  und  Zustände  am
gründlichsten  verbessert  werden  könnten,  in  die  Frage  nach  einer
bessern  Erziehung.
Rousseau’s  Emile  ou  sur  l’education  ist  das  grösste  und  berühmteste ­
  Werk  dieses  Mannes  2 ).  Angeregt  zuerst  durch  die  Bitte
einer  Mutter  5 ),  hat  er  demselben  zwanzig  Jahre  Nachdenken  und
drei  Jahre  Arbeit  gewidmet  4 ).  Die  Romanform,  welche  dem  neuen
Erziehungssystem  gegeben  ist,  bezeugt  zwar  auch  hier  seine  alte
Neigung- 5 ),  aber  diese  Form  wird  schwerlich  an  dem  Gedanken  zu
rütteln  vermögen,  dass  Rousseau  nach  dem  Entwicklungsgänge  seines
Denkens  die  Erziehung  als  das  Eine  Grosse  (nach  Platons  Wort)
wie  Einer  begriff.  Und  mag  der  Emile  noch  so  viel  wunde  Stellen  der
Kritik  zu  willkommenem  Tadel  entgegenhalten,  mag  er  auch  über
das  nöthige  Mass  hinaus  beweisen,  dass  es  über  alle  menschlichen
Kräfte  hinauszuliegen  scheint,  eine  Wahrheit  nach  allen  Seiten  hin
zur  Evidenz  zu  bringen:  dennoch  wird  eine  billige  Betrachtung  mit
der  Anerkennung  nicht  zurückhalten  können,  dass  der  Mann,  dessen
nachhaltiger  Erfolg  in  der  Geschichte  der  Pädagogik  erweisbar  ist,
für  alles  Menschliche  ein  tiefes  Wohlwollen  empfunden  haben  müsse.
Etwas  Unbekanntes  dürfte  und  sollte  es  nicht  sein,  dass  auf  dem
Gebiete  der  Erziehung  auch  dann,  wenn  die  Thätigkeit  wie  bei

1 )  Das  Geständniss  Rousseau's  (I.  p.  213  —  214),  dass  dieser  Gegenstand,  der  an  sieh
selbst  ihm  weniger  zugesagt  hätte,  allmählich  mehr  als  alle  übrigen  ihm  am  Herzen
gelegen  sei,  wird  dadurch  erklärlich.  Ohnedies  hatte  er  pädagogische  Überlegungen ­
  früher  angestellt,  als  ihm  seine  Grundanschauung  feststand.  Siche  oben
4.  Capitel.
2 )  Er  nennt  es  selbst  sein  „würdigstes  und  bestes  Buch“  (I.  p.  3ÖO)  und  Dnlembert
theilte  ihm  brieflich  mit  (I.  p.  303),  durch  dieses  Werk  sei  seine  Überlegenheit
entschieden.
8 )  Der  Mad.  de  Chenonceaux,  1.  p.  213.
4 )  I.  p.  201.
5 )  Die  Vermählung  Emils  mit  Sophie  bildet  den  Schluss  des  letzten  oder  fünften,
von  der  Erziehung  Sophie’s  handelnden  Buches.  Der  Umstand,  dass  es  Rousseau’s
Art  ist,  seine  Worte  mit  lebendigen  Erinnerungen  zu  verbinden,  drängt  die
Vermuthung  auf,  dass  der  Name  Sophie  nicht  aufs  Geradewohl  im  Emile  eingeführt
worden  sei.  „Sophie“  war  wenigstens  der  Name,  dessen  sich  Rousseau  gegenüber
Madame  d’Houdetot  bediente  (l.  p.  233).
            
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