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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

«L  J.  Rousseau’s  Leben.

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Die  Aufnahme,  welche  die  Neue  Heloise  hei  ihrem  Erscheinen
im  Jahre  1761  fand,  war  eine  beispiellos  günstige 1 ).  Die  Originalität ­
  der  Conception,  die  feurigen  Schilderungen,  die  Abwechslung
trotz  der  geringen  Anzahl  handelnder  Personen,  der  hohe  Grad  von
poetischer  Wahrheit:  dies  alles  vereinigte  sich,  um  das  Lob  allgemein ­
  zu  machen.  Aber  nicht  bloss  diese  offenbaren,  auch  geheime
Ursachen  waren  im  Spiele,  dass  Rousseau  als  der  Mann  des  Tages
erhoben  wurde.  Nach  natürlicher  Anmuth,  welche  Rousseau  zu
zeichnen  verstand  wie  Einer,  trug  die  Zeit  Verlangen  und  die  Aufgabe ­
  erfährt  eine  willkommene  Lösung,  dass  Schwächen  und  Fehler
mit  dem  Mantel  der  Tugend  bekleidet  werden  können.  Es  ist  nichts
weiter  nöthig,  um  das  Werk  zu  einem  kleinen  Zeitereigniss  zu
machen.  Aber  man  vergesse  nur  ja  nicht,  dass  es  von  einem  Manne
herrührt,  welcher  schon  in  seinem  preisgekrönten  Discours  seiner
Zeit  und  ihren  Sitten  den  Krieg  erklärt;  man  bedenke,  dass  hei  seinem ­
  Entstehen  eine  Schwäche  über  die  eigenen  Grundsätze  den  Sieg
errungen  hatte 2 ).  Mag  dann  immerhin  der  Erfolg,  wie  er  gewöhnlich ­
  tliut,  seinem  Stolze  Nahrung  geben:  wir  werden  nicht  mehr
sagen  können,  dass  er  wegen  des  moralischen  Werthes  vollkommen
berechtigt  sei,  vielmehr  behaupten  müssen,  dass  der  Mann,  dessen
schon  in  der  Jugend  grossgezogene  Schwäche  mit  ihrer  Gewalt  die
Kraft  der  angenommenen  Grundsätze  darniederdrückte,  und  welcher
denselben  Menschen  Concessionen  macht,  die  er  früher  gescholten,
ein  zweifelhaftes  Recht  besitzt,  sich  zum  Tugendprediger  aufzuwerfen. ­
  Rousseau  bestätigt  seihst  diese  Behauptung.  Die  Neue
Heloise,  sagt  er,  sei  kein  Buch  für  junge  Mädchen,  denn  das  hiesse
ein  Haus  in  Brand  stecken,  um  die  Spritzen  in  Thätigkeit  zu  setzen  s).
Er  hätte  nur  noch  hinzufügen  sollen:  Erwachsene  aber  würden  an
der  verzehrenden  Gluth  noch  ein  Vergnügen  finden  lernen.
Indessen  ganz  verleugnete  sich  der  Mann  des  preisgekrönten
Discours  nicht.  Auch  die  Neue  Heloise  beweist,  dass  er  früher  nicht
umsonst  gegen  alle  Vorurtheile  für  die  Tugend  das  Wort  ergriffen,
mit  Geräusch  4 )  sich  zu  strengen  Grundsätzen  bekannt  hatte,  und

1 )  I.  p.  2S7  f.  (Anfang  des  11.  Buches).
s )  Siehe  oben.
8 )  Brief  an  Dnclos  vom  19.  November  1700,  T.  IV.  p.  322.
4 )  I.  p.  227.
Sitzb.  d.  phil.-hist.  CI.  LXIII.  Bd.  III.  Hft.
            
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