Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  Rousseau’s  Leben.

43ä

heit  übt  solche  Natürlichkeit  neuen  Reiz  und  für  eine  Zeit,  die  mit
allem  Glauben  und  Wissen  der  Vergangenheit  gebrochen  hat,  ist
natürliche  Anmuth  ein  willkommener  Zufluchtsort 1 ).
Rousseau  war  von  sinnlicher  Gluth  angefacht  und  mitten  in  seine
von  Schwärmerei  begleitete  Arbeit  vertieft,  als  zur  gelegenen  und
in  diesem  Falle  gefährlichen  Stunde  die  noch  nicht  30jährige  Comtesse
  d’Houdetot,  eine  anmuthige  und  liebenswürdige  Frau  ihn  besuchte ­
 3 ).  D'Houdetot  hiess  ihr  Gemahl,  ihr  Geliebter,  zugleich
Rousseau's  Freund,  war  Saint-Lambert.  Rousseau's  Neigung  war
bald  gefasst:  Julie  schien  leibhaftig  vor  seinen  Augen  zu  stehen 3 ).
Ihr  Aufenthalt  in  der  Nähe  von  I’  Hermitage  machte  häufigere  Besuche ­
  möglich,  Saint-Lambert  war  abwesend:  mehr  bedurfte  es
nicht,  um  Rousseau’s  Neigung  in  eine  heftige  Leidenschaft  zu  verwandeln ­
 4 ).  Aber  trotzdem  suchte  er  sich  in  gewissen  Grenzen  zu
halten:  Seine  Liebe  sollte  kein  Eingriff  in  die  eroberten  Rechte  des
Freundes  sein  und  in  der  Geliebten  sollte  die  Freundin  nicht  vergessen ­
  werden,  welche  voll  von  Unschuld,  Sanftmuth  und  Herzensgüte, ­
  —  ein  Wesen  nach  seinem  Sinne  wäre«).  Es  fragt  sich  nur:
wird  diese  Verquickung  von  Ideal  und  Sinnlichkeit,  die  Achtung  vor
der  blossen  Freundin  mit  der  Begehrlichkeit  der  Liebe  auf  die  Länge
bestehen  können  und  diese  neue  Verhimmlung  der  Geschlechtsliebe
durch  den  Beischmack  des  Freundschaftlichen  nicht  einen  neuen«)
unerträglichen  Widerspruch  schaffen,  oder  vielmehr  den  alten  zwischen ­
  Rousseau’scher  Idee  von  Liebe  und  seiner  Sinnlichkeit  in

*)  Siehe  Vilmars  Bemerkungen  zu  Werthers  Leiden  von  Göthe,  Geschichte  der
deutschen  Nationalliteratur,  9.  Aufl.  1862,  S.  454  f.  Schlosser,  Gesch.  des
18.  Jahrhunderts  IV.  S.  166;  Vogt  a.  a.  0.  S.  268.  Blasirtheit  verbunden  mit
dem  Streben  nach  natürlicher  Einfachheit  lässt  sich  im  Alterthum  namentlich  zur
Zeit  der  römischen  Kaiser  beobachten.  Siehe  Otto  Jahn,  Aufsätze  aus  der
Alterthumswissenschaft,  1868  S.  74.  80.
2 )  I.  p.  225,  nameutlich  p.  229.
8 )  I.  p.  230:  Je  vis  ma  Julie  en  madame  d’Houdetot.
4 )  Wenn  Rousseau  sagt  (1.  p.  229),  die  Liebe  zu  Madame  d’Houdetot  sei  die  „erste
und  einzige  in  seinem  ganzen  Leben“  gewesen,  so  dürfte  dieses  Wort  nur
auf  die  Heftigkeit  der  Leidenschaft  hindeuten,  welche  aus  seiner  damaligen
empfänglichen  und  gereizten  Gemiithslage  erklärlich  ist.
5 )  I.  p.  230.  Charakteristisch  für  die  Idealisirung  der  Geschlechtsliebe  ist  der  Ausspruch ­
  :  Je  l’aimois  trop  pour  vouloir  la  posseder  (I.  p.  233).
®)  Vgl.  das  2.  Capitel.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.