J. Rousseau’s Leben.
43ä
heit übt solche Natürlichkeit neuen Reiz und für eine Zeit, die mit
allem Glauben und Wissen der Vergangenheit gebrochen hat, ist
natürliche Anmuth ein willkommener Zufluchtsort 1 ).
Rousseau war von sinnlicher Gluth angefacht und mitten in seine
von Schwärmerei begleitete Arbeit vertieft, als zur gelegenen und
in diesem Falle gefährlichen Stunde die noch nicht 30jährige Comtesse
d’Houdetot, eine anmuthige und liebenswürdige Frau ihn besuchte
3 ). D'Houdetot hiess ihr Gemahl, ihr Geliebter, zugleich
Rousseau's Freund, war Saint-Lambert. Rousseau's Neigung war
bald gefasst: Julie schien leibhaftig vor seinen Augen zu stehen 3 ).
Ihr Aufenthalt in der Nähe von I’ Hermitage machte häufigere Besuche
möglich, Saint-Lambert war abwesend: mehr bedurfte es
nicht, um Rousseau’s Neigung in eine heftige Leidenschaft zu verwandeln
4 ). Aber trotzdem suchte er sich in gewissen Grenzen zu
halten: Seine Liebe sollte kein Eingriff in die eroberten Rechte des
Freundes sein und in der Geliebten sollte die Freundin nicht vergessen
werden, welche voll von Unschuld, Sanftmuth und Herzensgüte,
— ein Wesen nach seinem Sinne wäre«). Es fragt sich nur:
wird diese Verquickung von Ideal und Sinnlichkeit, die Achtung vor
der blossen Freundin mit der Begehrlichkeit der Liebe auf die Länge
bestehen können und diese neue Verhimmlung der Geschlechtsliebe
durch den Beischmack des Freundschaftlichen nicht einen neuen«)
unerträglichen Widerspruch schaffen, oder vielmehr den alten zwischen
Rousseau’scher Idee von Liebe und seiner Sinnlichkeit in
*) Siehe Vilmars Bemerkungen zu Werthers Leiden von Göthe, Geschichte der
deutschen Nationalliteratur, 9. Aufl. 1862, S. 454 f. Schlosser, Gesch. des
18. Jahrhunderts IV. S. 166; Vogt a. a. 0. S. 268. Blasirtheit verbunden mit
dem Streben nach natürlicher Einfachheit lässt sich im Alterthum namentlich zur
Zeit der römischen Kaiser beobachten. Siehe Otto Jahn, Aufsätze aus der
Alterthumswissenschaft, 1868 S. 74. 80.
2 ) I. p. 225, nameutlich p. 229.
8 ) I. p. 230: Je vis ma Julie en madame d’Houdetot.
4 ) Wenn Rousseau sagt (1. p. 229), die Liebe zu Madame d’Houdetot sei die „erste
und einzige in seinem ganzen Leben“ gewesen, so dürfte dieses Wort nur
auf die Heftigkeit der Leidenschaft hindeuten, welche aus seiner damaligen
empfänglichen und gereizten Gemiithslage erklärlich ist.
5 ) I. p. 230. Charakteristisch für die Idealisirung der Geschlechtsliebe ist der Ausspruch
: Je l’aimois trop pour vouloir la posseder (I. p. 233).
®) Vgl. das 2. Capitel.