434
Vogt
mene Gewissen bei der Ausführung solcher Gestalten keinen innern
Vorwurf erheben und die später gewonnenen Grundsätze der wiedererwachten
jugendlichen Begehrlichkeit trotz ihrer idealen Umkleidung
kein Halt zuzurufen im Stande sein werden? Rousseau musste das
selbst fühlen •). Man kann nicht Tugend predigen und zugleich reizende
Bilder der Liebe und Weichlichkeit entwerfen. Indessen in
der augenblicklichen Aufregung erscheinen alte Grundsätze wie ein
matter Abschein alter Erinnerungen, die Neigung siegt über alle
bessern Entschlüsse und Rousseau vollendet die beiden ersten Theile
der „Julie“ während des folgenden Winters mit „unbeschreiblichem
Vergnügen“ 2 ). Und sonderbar genug! derselbe Mann, der sonst die
herrschenden Sitten so verachtete, nimmt jetzt zu ihnen seine Zuflucht,
damit sie seine eigene Schwäche entschuldigen und die Einsprache
strengerer Grundsätze beschwichtigen helfe s). Man könne
ja nicht wissen, ob lasterhafte Sitten durch die Schilderung eines
Mädchens, welches sich von der Liebe überwinden lässt und als Frau
dennoch 4 ) die Kraft gewinnt wieder tugendhaft zu werden, welche
ferner inmitten natürlich-einfacher und idyllisch-anmuthiger Lebensweise
nur freundschaftlichen Gefühle zu leben scheint, durch die sentimentalen
Stimmungen, die sie erweckt, nicht von ihrem Wege
zeitweilig abgelenkt und eine auf das Bessere hinzielende Richtung
einschlagen werden. Soviel ist wenigstens gewiss, dass
diese Schilderungen auf Anklang rechnen können. Denn auf Blasirt-*)
I. p. 227: Apres les principes severes que je venois d’etablir avec tanl de fracas,
apres les maximes austeres que j’avois si fortement prechees, apres tant d’invectives
mordantes contre les livres effemines qui respiroient l’amour et la mollesse,
pouvoit-on rien imaginer de plus inattendu, de plus choquant, que de me voir
tout un coup m’inscrire de ma propre main parmi les auteurs de «es livres que
j’avois si durement censures ?
2 ) avec un plaisir inexprimable (I. p. 228).
s ) Die Wendung, welche Rousseau diesem Umstande in zwei unmittelbar auf
einander folgenden Abschnitten (I. p. 227) gibt, ist ganz eigenthümlich. Er
gesteht zu, dass strenge Grundsätze und solche Neigungen ihn in einen Selbstwiderspruch
verwickeln, aber kaum hat er die Schwächen, welche den Gegenstand
seiner Schilderung bilden, mit den herrschenden Sitten verglichen, so erscheinen
ihm die ersteren von tugendhafter Art zu sein und er schliesst kategorisch : wer
sein Bild als Ganzes anstössig und nicht heilsam finde, der sei ein Lügner und
Heuchler. So erbricht sich nach Schillers W'orten das Laster, um sich mit der
Tugend zu Tische zu setzen.
4 ) Rousseau wenigstens gibt seiner Julie diese Vorbereitung.