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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

mene  Gewissen  bei  der  Ausführung  solcher  Gestalten  keinen  innern
Vorwurf  erheben  und  die  später  gewonnenen  Grundsätze  der  wiedererwachten ­
  jugendlichen  Begehrlichkeit  trotz  ihrer  idealen  Umkleidung
kein  Halt  zuzurufen  im  Stande  sein  werden?  Rousseau  musste  das
selbst  fühlen  •).  Man  kann  nicht  Tugend  predigen  und  zugleich  reizende ­
  Bilder  der  Liebe  und  Weichlichkeit  entwerfen.  Indessen  in
der  augenblicklichen  Aufregung  erscheinen  alte  Grundsätze  wie  ein
matter  Abschein  alter  Erinnerungen,  die  Neigung  siegt  über  alle
bessern  Entschlüsse  und  Rousseau  vollendet  die  beiden  ersten  Theile
der  „Julie“  während  des  folgenden  Winters  mit  „unbeschreiblichem
Vergnügen“ 2 ).  Und  sonderbar  genug!  derselbe  Mann,  der  sonst  die
herrschenden  Sitten  so  verachtete,  nimmt  jetzt  zu  ihnen  seine  Zuflucht, ­
  damit  sie  seine  eigene  Schwäche  entschuldigen  und  die  Einsprache ­
  strengerer  Grundsätze  beschwichtigen  helfe  s).  Man  könne
ja  nicht  wissen,  ob  lasterhafte  Sitten  durch  die  Schilderung  eines
Mädchens,  welches  sich  von  der  Liebe  überwinden  lässt  und  als  Frau
dennoch  4 )  die  Kraft  gewinnt  wieder  tugendhaft  zu  werden,  welche
ferner  inmitten  natürlich-einfacher  und  idyllisch-anmuthiger  Lebensweise ­
  nur  freundschaftlichen  Gefühle  zu  leben  scheint,  durch  die  sentimentalen ­
  Stimmungen,  die  sie  erweckt,  nicht  von  ihrem  Wege
zeitweilig  abgelenkt  und  eine  auf  das  Bessere  hinzielende  Richtung ­
  einschlagen  werden.  Soviel  ist  wenigstens  gewiss,  dass
diese  Schilderungen  auf  Anklang  rechnen  können.  Denn  auf  Blasirt-*)
  I.  p.  227:  Apres  les  principes  severes  que  je  venois  d’etablir  avec  tanl  de  fracas,
apres  les  maximes  austeres  que  j’avois  si  fortement  prechees,  apres  tant  d’invectives
mordantes  contre  les  livres  effemines  qui  respiroient  l’amour  et  la  mollesse,
pouvoit-on  rien  imaginer  de  plus  inattendu,  de  plus  choquant,  que  de  me  voir
tout  un  coup  m’inscrire  de  ma  propre  main  parmi  les  auteurs  de  «es  livres  que
j’avois  si  durement  censures  ?
2 )  avec  un  plaisir  inexprimable  (I.  p.  228).
s )  Die  Wendung,  welche  Rousseau  diesem  Umstande  in  zwei  unmittelbar  auf
einander  folgenden  Abschnitten  (I.  p.  227)  gibt,  ist  ganz  eigenthümlich.  Er
gesteht  zu,  dass  strenge  Grundsätze  und  solche  Neigungen  ihn  in  einen  Selbstwiderspruch ­
  verwickeln,  aber  kaum  hat  er  die  Schwächen,  welche  den  Gegenstand
seiner  Schilderung  bilden,  mit  den  herrschenden  Sitten  verglichen,  so  erscheinen
ihm  die  ersteren  von  tugendhafter  Art  zu  sein  und  er  schliesst  kategorisch  :  wer
sein  Bild  als  Ganzes  anstössig  und  nicht  heilsam  finde,  der  sei  ein  Lügner  und
Heuchler.  So  erbricht  sich  nach  Schillers  W'orten  das  Laster,  um  sich  mit  der
Tugend  zu  Tische  zu  setzen.
4 )  Rousseau  wenigstens  gibt  seiner  Julie  diese  Vorbereitung.
            
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