J. J. Rousseau’s Leben.
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bestimmt zu sein. Der 44jährige Mann ist wieder jung und liebebedürftig
geworden. Die holde Jahreszeit schien ihm die Tage nur
zu schenken, damit er auf einsamen Spaziergängen in wonniges
Schmachten sich versenke und nach einem Wesen sich sehne, dessen
Individualität mit den Saiten der seinigen zusammenstimme wie reiner
Quintenklang i). Wo wird ein solches Wesen, ausgestattet mit dem
Reize der Idealität, zu finden sein? Die Wirklichkeit bietet keine
Vollkommenheiten und wenn sie solche darbieten würde, so würde
sie Mittel zur Abnützung hinzufügen. Wer wahrhaft und auf die
Dauer sich ihrer erfreuen will, darf sie nicht wirklich besitzen. Aber
freilich: werden dieseldeale, welche uns hinanziehen, nicht von
dem Gewichte unserer Begehrlichkeit, welches sich an sie anhängt,
von ihrer Höhe herabgezogen werden? Darum kümmert sich derjenige
zunächst nicht, der das Mittel besitzt, um sich ihrer vorerst
erfreuen zu können. Rousseau’s Phantasie schuf ihrer zwei, eine
Geliebte und eine Freundin. Die erstere hiess Julie, Clara die zweite.
Die Form ihres Charakters war nicht völlig erdichtet, ebensowenig
der Aufenthalt und die Situationen: so viel lebendigen Rückhalt boten
die gesammten Jugenderinn'erungen schon dar 3 ). Die unbestimmten
Umrisse der Gestalten seiner Phantasie verschwanden allmählich und
als sie der plastischen Abrundung sich näherten, enstand der Wunsch,
die Krystalle zu sehen, welche durch die Feuerglutb der Phantasie
entstanden waren, oder mit gewöhnlicheren Worten: er brachte
Einiges von seinen Erdichtungen zu Papier 3 ).
Aber man muss wohl fragen, ob denn nicht in demselben Manne
andere Gedanken, welche früher Macht besassen, erwachen und das
jetzige Bemühen keineswegs als so unschuldig und unverfänglich
betrachten werden, als es erscheinen mag; ob denn das angenom-*)
I. p. 222 f.
2 ) I. p. 223: Bientöt je vis rassembles autour de inoi tous les objets qui m’avoient
donne de l’emotion dans ma jeunesse etc. Vgl. das 2. Capitel. Der Aufenthaltsort
der Helden ist Vevay, der Geburtsort der Frau von Warens. Wer Einzelheiten
liebt, findet eben so gut Belege. Saint-Preux beginnt seine Antwort auf die Nachricht,
dass seine Julie geheirathet, mit den Worten: Et vous ne seriez plus ma
Julie? (19. Brief des 3. Theils der Nouvelle Heloise, T. II. p. 184) und Rousseau
schreibt am 14. December 1737 in derselben Lage auf die Nachricht, dass die Frau
von Warens einem Andern ihr Herz geschenkt, an diese: N^tes-vous donc plus
ma chere maman? (T. IV. p. 177).
s ) 1. p. 223.