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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben.

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bestimmt  zu  sein.  Der  44jährige  Mann  ist  wieder  jung  und  liebebedürftig ­
  geworden.  Die  holde  Jahreszeit  schien  ihm  die  Tage  nur
zu  schenken,  damit  er  auf  einsamen  Spaziergängen  in  wonniges
Schmachten  sich  versenke  und  nach  einem  Wesen  sich  sehne,  dessen
Individualität  mit  den  Saiten  der  seinigen  zusammenstimme  wie  reiner ­
  Quintenklang  i).  Wo  wird  ein  solches  Wesen,  ausgestattet  mit  dem
Reize  der  Idealität,  zu  finden  sein?  Die  Wirklichkeit  bietet  keine
Vollkommenheiten  und  wenn  sie  solche  darbieten  würde,  so  würde
sie  Mittel  zur  Abnützung  hinzufügen.  Wer  wahrhaft  und  auf  die
Dauer  sich  ihrer  erfreuen  will,  darf  sie  nicht  wirklich  besitzen.  Aber
freilich:  werden  dieseldeale,  welche  uns  hinanziehen,  nicht  von
dem  Gewichte  unserer  Begehrlichkeit,  welches  sich  an  sie  anhängt,
von  ihrer  Höhe  herabgezogen  werden?  Darum  kümmert  sich  derjenige ­
  zunächst  nicht,  der  das  Mittel  besitzt,  um  sich  ihrer  vorerst
erfreuen  zu  können.  Rousseau’s  Phantasie  schuf  ihrer  zwei,  eine
Geliebte  und  eine  Freundin.  Die  erstere  hiess  Julie,  Clara  die  zweite.
Die  Form  ihres  Charakters  war  nicht  völlig  erdichtet,  ebensowenig
der  Aufenthalt  und  die  Situationen:  so  viel  lebendigen  Rückhalt  boten
die  gesammten  Jugenderinn'erungen  schon  dar 3 ).  Die  unbestimmten
Umrisse  der  Gestalten  seiner  Phantasie  verschwanden  allmählich  und
als  sie  der  plastischen  Abrundung  sich  näherten,  enstand  der  Wunsch,
die  Krystalle  zu  sehen,  welche  durch  die  Feuerglutb  der  Phantasie
entstanden  waren,  oder  mit  gewöhnlicheren  Worten:  er  brachte
Einiges  von  seinen  Erdichtungen  zu  Papier 3 ).
Aber  man  muss  wohl  fragen,  ob  denn  nicht  in  demselben  Manne
andere  Gedanken,  welche  früher  Macht  besassen,  erwachen  und  das
jetzige  Bemühen  keineswegs  als  so  unschuldig  und  unverfänglich
betrachten  werden,  als  es  erscheinen  mag;  ob  denn  das  angenom-*)
  I.  p.  222  f.
2 )  I.  p.  223:  Bientöt  je  vis  rassembles  autour  de  inoi  tous  les  objets  qui  m’avoient
donne  de  l’emotion  dans  ma  jeunesse  etc.  Vgl.  das  2.  Capitel.  Der  Aufenthaltsort
der  Helden  ist  Vevay,  der  Geburtsort  der  Frau  von  Warens.  Wer  Einzelheiten
liebt,  findet  eben  so  gut  Belege.  Saint-Preux  beginnt  seine  Antwort  auf  die  Nachricht, ­
  dass  seine  Julie  geheirathet,  mit  den  Worten:  Et  vous  ne  seriez  plus  ma
Julie?  (19.  Brief  des  3.  Theils  der  Nouvelle  Heloise,  T.  II.  p.  184)  und  Rousseau
schreibt  am  14.  December  1737  in  derselben  Lage  auf  die  Nachricht,  dass  die  Frau
von  Warens  einem  Andern  ihr  Herz  geschenkt,  an  diese:  N^tes-vous  donc  plus
ma  chere  maman?  (T.  IV.  p.  177).
s )  1.  p.  223.
            
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