,1. J. Rousseau’s Lehen.
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Sitten Frankreichs abgestossen fühlte, ein Franzose, d. h. eine praktische
Natur war und als solcher den Gedanken, dass derjenige, welcher
die Wahrheit um der Wahrheit willen sucht, als Schriftsteller
dadurch ganz von seihst dem Einzelnen und dem Ganzen Nutzen gewährt,
— ich wage es kaum zu sagen, — nicht recht begriffen haben
würde. Man wird zwar auch klüger, wenn man experimentirend am
Schaden klug wird, aber die Nachtheile können hiebei unberechenbar
werden, um von dem Opfer nicht zu reden, welches von der
Wahrheit dem Doctrinarismus gebracht wird i).
Verschiedene Skizzen und Entwürfe grösserer Arbeiten*), zum
Theil schon vor Jahren gemacht, sollten, als Rousseau 1’Hermitage
bezog, ausgeführt und vollendet werden. Mit Ausnahme einer einzigen
s) wurden sie insgesammt zur Vollendung gebracht und später
veröffentlicht. An der zum Ausreifen der Gedanken nöthigen Zeit
hatte es seinen Arbeiten nicht gefehlt. Schon ihr Titel drängt den
Gedanken auf, dass solche Werke wohl geeignet seien, die Leitung
des Motivs, dem gemeinen Besten zu nützen, an den Tag zu legen.
Siehe da! der Mann, der so energisch Hand an seine äussere und
innere Reform gelegt, der entschlossen war, sein Betragen mit seinen
Grundsätzen in Übereinstimmung zu bringen*), der sogar harte Proben
einer edlen Selbstverleugnung an den Tag gelegt hatte, täuscht
urplötzlich alle Erwartungen. Man glaubt, ein strengerer Sinn, zumal
in einem Alter von 44 Jahren, sei ihm zur zweiten Natur geworden
und die Vertiefung in ernste Arbeiten nehme seine Kraft
völlig in Anspruch. Nichts von alledem ! Alle gemachten Entwürfe
*) Aus jener praktischen Richtung erkennt man, dass der oben im 5. Capitel angeführte
Satz Schlosser’s in beschränktem Sinne verstanden sein will. Übrigens
ist Rousseau so aufrichtig, neben jenem allgemeineren Motiv noch ein persönliches
zu nennen: Sein Ruf (reputation I. p. 211) sollte durch das schriftstellerische
Wirken zugleich mit begründet werden. Es hiesse mala fide sprechen und die
Rücksicht auf den Charakter seiner Werke vergessen, wenn man daraus schliessen
wollte, er habe jenes allgemeine Motiv diesem persönlichen zum Opfer gebracht.
2 ) Die Entwürfe werden I. p. 210—214 aufgezählt.
3) Ein Werk, la morale sensitive ou le materialisme du sage, welches ihn einige
Zeit beschäftigte, wurde später ganz aufgegeben.
*) 1. p. 217: Dans l’illusion de mon sot orgueil, je me crus fait pour dissiper tous
ces prestiges (nämlich diejenigen, welche er in den gesellschaftlichen Zuständen
gefunden hatte); et jugeant que, pour me faire ecouter, il falloit mettre ma conduite
d’accord avec mes principes, je pris l’allure singuliere.