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Vogt
Nichts Kraftvolles, nichts Grosses kann ans einer gradezu käuflichen
Feder kommen. Der Schriftstellerstand ist nur ehrenwerth und
ruhmvoll, wenn er kein Gewerbe ist. Es ist schwer edel zu denken,
wenn man nur denkt, um zu leben“ t). Diese Worte mögen beherzigenswerth
sein, sie mögen Kunde davon gehen, dass Rousseau die
in der kritischen Periode seines Lebens gefassten Entschlüsse auch
auf die Wirksamkeit, zu der ihn eine glückliche Naturgabe führte,
auszudehnen gesonnen war, dennoch enthalten sie auf die in Rede
stehende Frage keine vollständige Antwort. Schriftstellern, ohne
dem Eigennutze zu dienen, erfordeijj gewiss schon moralische Kraft
und die Schriften Rousseau's dürften den Beweis gar wohl zu liefern
im Stande sein, wenn ihn unsere bisherige Darstellung nicht schon
geliefert hätte, dass nichts weniger als Eigennutz seine wirksame
Triebfeder war. Aber von welchem Motiv soll denn das Wirken
getragen sein, wenn es nicht Eigennutz sein darf? Welches ist
denn die positive Antwort, die auf jene Frage gegeben werden kann?
Diese positive Antwort steht mit seinen Erfahrungen und seiner
Sinnesweise im Zusammenhänge. Es war wohl natürlich, dass der
in Genf und im Savoiardenlande fast bis zum 30. Jahre an eine einfache
Lebensweise Gewöhnte in Paris und seinen Salons, Bosquets,
seinen Wasserkünsten und Parterres sich unheimisch fühlte, und dass
seine sinnige Art und sein nachhaltiges Grübeln von albernen Bonmots,
läppischen Zierereien und kleinen Geschichtenkrämern sich
abgestossen fühlte a ). Und wenn schon seine anders gearteten Sitten
durch ihren Contrast die Zustände der damaligen Gesellschaft in
einem ungünstigen Lichte erscheinen Hessen, so thaten Scharfblick
und Urtheil das übrige, um die Folgen derselben zu erkennen. Der
Anblick der Sitten war ihm unerträglich sj, die Lasterhaftigkeit von
*) A. a. 0. Auf den letzten Gedanken kommt Rousseau im 10. Buche (p. 271) noch
einmal zurück und macht einen Zusatz. Man bildete sich ein, sagt er, dass ich das
Schreiben nur als Handwerk treiben könnte wie alle andern Schriftsteller,
während ich immer nur aus Leidenschaft (par passion) habe schreiben können .
3 ) 1. p. 21 li.
3 ) I. p. 227: Qui peut supporter sans indignation le spectacle des moeurs a la mode?
et qu’y a-t-il de plus revoltant que l’orgueil d’une femme infidele, qui, foulant
ouvertement aux pieds tous ses devoirs, pretend que son rnari soit penetre de
reconnoisance de la grace qu’elle lui accorde de vouloir bien ne pas se laisser
prendre sur le fait?