Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

428

Vogt

Nichts  Kraftvolles,  nichts  Grosses  kann  ans  einer  gradezu  käuflichen
Feder  kommen.  Der  Schriftstellerstand  ist  nur  ehrenwerth  und
ruhmvoll,  wenn  er  kein  Gewerbe  ist.  Es  ist  schwer  edel  zu  denken,
wenn  man  nur  denkt,  um  zu  leben“  t).  Diese  Worte  mögen  beherzigenswerth
  sein,  sie  mögen  Kunde  davon  gehen,  dass  Rousseau  die
in  der  kritischen  Periode  seines  Lebens  gefassten  Entschlüsse  auch
auf  die  Wirksamkeit,  zu  der  ihn  eine  glückliche  Naturgabe  führte,
auszudehnen  gesonnen  war,  dennoch  enthalten  sie  auf  die  in  Rede
stehende  Frage  keine  vollständige  Antwort.  Schriftstellern,  ohne
dem  Eigennutze  zu  dienen,  erfordeijj  gewiss  schon  moralische  Kraft
und  die  Schriften  Rousseau's  dürften  den  Beweis  gar  wohl  zu  liefern
im  Stande  sein,  wenn  ihn  unsere  bisherige  Darstellung  nicht  schon
geliefert  hätte,  dass  nichts  weniger  als  Eigennutz  seine  wirksame
Triebfeder  war.  Aber  von  welchem  Motiv  soll  denn  das  Wirken
getragen  sein,  wenn  es  nicht  Eigennutz  sein  darf?  Welches  ist
denn  die  positive  Antwort,  die  auf  jene  Frage  gegeben  werden  kann?
Diese  positive  Antwort  steht  mit  seinen  Erfahrungen  und  seiner
Sinnesweise  im  Zusammenhänge.  Es  war  wohl  natürlich,  dass  der
in  Genf  und  im  Savoiardenlande  fast  bis  zum  30.  Jahre  an  eine  einfache ­
  Lebensweise  Gewöhnte  in  Paris  und  seinen  Salons,  Bosquets,
seinen  Wasserkünsten  und  Parterres  sich  unheimisch  fühlte,  und  dass
seine  sinnige  Art  und  sein  nachhaltiges  Grübeln  von  albernen  Bonmots, ­
  läppischen  Zierereien  und  kleinen  Geschichtenkrämern  sich
abgestossen  fühlte  a ).  Und  wenn  schon  seine  anders  gearteten  Sitten
durch  ihren  Contrast  die  Zustände  der  damaligen  Gesellschaft  in
einem  ungünstigen  Lichte  erscheinen  Hessen,  so  thaten  Scharfblick
und  Urtheil  das  übrige,  um  die  Folgen  derselben  zu  erkennen.  Der
Anblick  der  Sitten  war  ihm  unerträglich  sj,  die  Lasterhaftigkeit  von

*)  A.  a.  0.  Auf  den  letzten  Gedanken  kommt  Rousseau  im  10.  Buche  (p.  271)  noch
einmal  zurück  und  macht  einen  Zusatz.  Man  bildete  sich  ein,  sagt  er,  dass  ich  das
Schreiben  nur  als  Handwerk  treiben  könnte  wie  alle  andern  Schriftsteller,
während  ich  immer  nur  aus  Leidenschaft  (par  passion)  habe  schreiben  können  .
3 )  1.  p.  21  li.
3 )  I.  p.  227:  Qui  peut  supporter  sans  indignation  le  spectacle  des  moeurs  a  la  mode?
et  qu’y  a-t-il  de  plus  revoltant  que  l’orgueil  d’une  femme  infidele,  qui,  foulant
ouvertement  aux  pieds  tous  ses  devoirs,  pretend  que  son  rnari  soit  penetre  de
reconnoisance  de  la  grace  qu’elle  lui  accorde  de  vouloir  bien  ne  pas  se  laisser
prendre  sur  le  fait?
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.