424
Vogt
in sich aufzunehmen. Ein positiver Zusatz hätte die Leerheit jener
negativen Einschränkung ausfiillen müssen, wenn die Rousseau’sche
Forcierung eine heherzigenswerlhe Wahrheit hätte enthalten sollen.
Das Programm der Dijoner Akademie über den Ursprung der
Ungleichheit unter den Menschen drängte unterdessen weitere Überlegungen
über jene offen gelassene Frage zurück und Rousseau überliess
sich vollkommen dem Strome seiner Eingehungen, um diese
neue Frage zu beantworten. Im Walde von Saint-Germain entwarf
er sich, indem er den „Menschen des Menschen mit dem Menschen
der Natur“ verglich, ein sehr kühnes Rild von dem menschlichen
Naturzustände und suchte die Anwendung der in seinem ersten Discours
niedergelegten Anschauung zu erweitern i). Der zweite Discours
„über den Ursprung und die Gründe der Ungleichheit unter
den Menschen“ wurde von der Dijoner Akademie nicht gekrönt, dafür
steht die Erlangung des Bürgerrechts seiner Vaterstadt Genf,
welcher das Werk gewidmet ward 2 ), damit in Verbindung.
Im Jahre 1754 bald nach der Vollendung seines zweiten Discours
unternahm Rousseau eine Reise nach Genf s), zu einer Zeit
also, da er von seinem errungenen Standpunkte und den in seinen
beiden Discoursen niedergelegten Gedanken ganz voll war und, wie
er sagt, noch in einem „tugendtrunkenen“ Zustande sich befand '>).
Wer so eng mit der selbstgeschaffenen Welt verwachsen ist, und
zwar einer Welt, welche mit den herrschenden Grundsätzen und
Meinungen in vielfachem Gegensätze stellt, von dem steht kaum zu
erwarten, dass er die letzteren vollkommen zu würdigen wissen
werde, vielmehr wird er geneigt sein, falls er die Sittenverderbtheit
1 ) Confess. 1. p. 202—203. Die dort aufgeführte Schilderung gemahnt an einen
übermässig kühnen Gang der Meditation. Er habe sich, heisst es unter anderm,
im Schwünge seiner Betrachlungen bis zum Sitze der Gottheit emporgeschwungen
und von dort die Ursachen menschlichen Elends durchschauend, den Menschen
zugerufen: Unsinnige, ihr beklagt euch über die Natur und seid an allen euern
Übeln selbst Schuld.
2 ) 1, p. 206. Die Widmung selbst (wiederabgedruckt 1. p. 626—531) verräth eine
schwärmerische Verehrung für die Einrichtungen seiner Vaterstadt.
3) 1. p. 203 f.
4 ) Dieser Zustand habe vier Jahre gedauert. I. p. 217: Je ne jouai rien, je devins
en effet tel que je parus; et pendant quatre ans au inoins que dura cette efFervescence
dans toute sa force, rien de grand et de beau ne peut entrer dans un
coeur d'komme dont je ne fusse capable entre Je ciel et moi.