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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben.

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destoweniger  Anfangs  in  einer  ziemlich  rohen  Gestalt  auf.  „Erhabene
Genies,  privilegirte  Geister  sollen  es  sein,  welche  sich  mit  der  Arbeit
zu  befassen  haben,  den  Schleier  zu  durchdringen,  mit  welchem  die
Wahrheit  sich  einhüllt".  Wenn  es  sich  bloss  darum  handeln  würde,
gegen  verhüllte  und  unverhüllte  Compilatoren  aufzutreten  oder  gegen
Leute  zu  eifern,  welche  verbrauchte  Gemeinplätze  als  Weisheit  verkaufen, ­
  dann  wäre  die  in  diesem  Satze  ausgesprochene  Forderung
gerechtfertigt.  Aber  wer  weiss  denn,  ob  auch  das  hohe  Selbstbewusstsein, ­
  von  welchem  dieser  Ausspruch  Zeugniss  ablegt  f)  in  jedem
Falle  gerechtfertigt  werden  könne?  Im  Allgemeinen  dürfte  es  doch
fraglich  bleiben,  ob  nicht  ein  solches  Recht  des  Stärkeren  der  Willkür ­
  eine  Thür  öffnet.  Es  ist  ja  nicht  unmöglich,  dass  im  starken
Geiste  auch  verwerfliche  Gedanken  geboren  werden.  Rousseau  macht
zwar  einen  einschränkenden  Zusatz:  jene  privilegirten  Geister  müssten ­
  jedoch  fähig  sein,  der  lächerlichen  Eitelkeit,  niedrigen  Eifersucht ­
  und  andern  Leidenschaften,  welche  der  Geschmack  an  den
Wissenschaften  erzeugt,  Widerstand  zu  leisten  a ).  Aber  mögen  sie
immerhin  kleinliche  Leidenschaften  besiegen,  mögen  sie  die  Kraft
haben,  innerhab  der  Schranken  zu  bleiben,  die  sie  sich  selbst  gezogen; ­
  so  lange  die  Stärke  allein  in  so  auffallender  Weise  betont
wird,  wird  es  für  die  privilegirten  Geister  wohl  nicht  unmöglich  werden, ­
  sich  mit  den  zurückgewiesenen  Leidenschaften  auseinanderzusetzen ­
  und  den  Eigennutz,  wenn  auch  in  verfeinerter  Weise,  wieder

*)  I.  p.  170  und  5.  Capitel.
2 )  Den  vielen  Gegnern  seines  preisgekrönten  Discours  widmete  Rousseau  bei  Gelegenheit ­
  der  Veröffentlichung  seines  Narcisse  ou  l’amant  de  lui-meme,  welcher  am
18.  December  1752  zur  Aufführung  gelangte,  aber  keine  allzu  günstige  Aufnahme
fand,  in  der  Vorrede  zu  diesem  Lustspiel  eine  längere  Erwiderung  (abgedruckt
T.  III.  p.  192  —197),  in  welcher  er  den  Grundgedanken  seines  Discours  noch
einmal  auseinandersetzte  und  dem  Widerspruch,  in  welchem  nach  dem  Einwurfe
der  Gegner  sein  schriftstellerisches  und  künstlerisches  Wirken  mit  seinen  Grundsätzen ­
  stehe,  zu  begegnen  suchte.  Er  sagt  p.  196:  J’avoue  qu’il  y  a  quelques
genies  sublimes  qui  savent  pene'trer  a  travers  les  voiles  dont  la  ve'rite  s’enveloppe,
quelques  Aines  privilegiees,  capables  de  resister  a  la  betise  de  la  vanite,  la
basse  jalousie,  et  aux  autres  passions  qu’engendre  Ie  goüt  des  lettres.  Wer  daran
zweifelt,  dass  es  sich  hier  nur  um  das  Recht  des  Stärkern  handelt,  der  vergleiche
noch  die  Worte  seines  preisgekrönten  Discours  (I.  p.476):  „Den  Wissenschaften
und  Künsten  sollen  diejenigen  sich  widmen,  welche  die  Kraft  in  sich  fühlen,
auf  ihrem  Wege  allein  zu  gehen  und  weiter  fortzukoinmen“.

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