J. J. Rousseau’s Leben.
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destoweniger Anfangs in einer ziemlich rohen Gestalt auf. „Erhabene
Genies, privilegirte Geister sollen es sein, welche sich mit der Arbeit
zu befassen haben, den Schleier zu durchdringen, mit welchem die
Wahrheit sich einhüllt". Wenn es sich bloss darum handeln würde,
gegen verhüllte und unverhüllte Compilatoren aufzutreten oder gegen
Leute zu eifern, welche verbrauchte Gemeinplätze als Weisheit verkaufen,
dann wäre die in diesem Satze ausgesprochene Forderung
gerechtfertigt. Aber wer weiss denn, ob auch das hohe Selbstbewusstsein,
von welchem dieser Ausspruch Zeugniss ablegt f) in jedem
Falle gerechtfertigt werden könne? Im Allgemeinen dürfte es doch
fraglich bleiben, ob nicht ein solches Recht des Stärkeren der Willkür
eine Thür öffnet. Es ist ja nicht unmöglich, dass im starken
Geiste auch verwerfliche Gedanken geboren werden. Rousseau macht
zwar einen einschränkenden Zusatz: jene privilegirten Geister müssten
jedoch fähig sein, der lächerlichen Eitelkeit, niedrigen Eifersucht
und andern Leidenschaften, welche der Geschmack an den
Wissenschaften erzeugt, Widerstand zu leisten a ). Aber mögen sie
immerhin kleinliche Leidenschaften besiegen, mögen sie die Kraft
haben, innerhab der Schranken zu bleiben, die sie sich selbst gezogen;
so lange die Stärke allein in so auffallender Weise betont
wird, wird es für die privilegirten Geister wohl nicht unmöglich werden,
sich mit den zurückgewiesenen Leidenschaften auseinanderzusetzen
und den Eigennutz, wenn auch in verfeinerter Weise, wieder
*) I. p. 170 und 5. Capitel.
2 ) Den vielen Gegnern seines preisgekrönten Discours widmete Rousseau bei Gelegenheit
der Veröffentlichung seines Narcisse ou l’amant de lui-meme, welcher am
18. December 1752 zur Aufführung gelangte, aber keine allzu günstige Aufnahme
fand, in der Vorrede zu diesem Lustspiel eine längere Erwiderung (abgedruckt
T. III. p. 192 —197), in welcher er den Grundgedanken seines Discours noch
einmal auseinandersetzte und dem Widerspruch, in welchem nach dem Einwurfe
der Gegner sein schriftstellerisches und künstlerisches Wirken mit seinen Grundsätzen
stehe, zu begegnen suchte. Er sagt p. 196: J’avoue qu’il y a quelques
genies sublimes qui savent pene'trer a travers les voiles dont la ve'rite s’enveloppe,
quelques Aines privilegiees, capables de resister a la betise de la vanite, la
basse jalousie, et aux autres passions qu’engendre Ie goüt des lettres. Wer daran
zweifelt, dass es sich hier nur um das Recht des Stärkern handelt, der vergleiche
noch die Worte seines preisgekrönten Discours (I. p.476): „Den Wissenschaften
und Künsten sollen diejenigen sich widmen, welche die Kraft in sich fühlen,
auf ihrem Wege allein zu gehen und weiter fortzukoinmen“.
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