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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

6.  Capitel.  Hauptwerke.
Eine  ganz  eigentliümliche  Gefahr  drohte  bei  seiner  künftigen
Thätigkeit  grade  dem  Manne,  der  so  energisch  nach  äusserlicher
und  innerlicher  Unabhängigkeit  strebte,  und  sie  musste,  wenn  anders,
jenes  Streben  nicht  problematische  Erfolge  erringen  sollte,  bald  zu
ernsten  Erwägungen  drängen,  damit  die  Herren,  denen  er  entflohen
zu  sein  glaubte,  nicht  in  anderer  Gestalt  wieder  erschienen  i).  Rousseau ­
  hatte  durch  seinen  ersten  preisgekrönten  Discours  über  die
Wissenschaften  und  Künste  mit  einem  Schlage  bei  den  eigentlichen
Gelehrten  und  bei  der  Menge  der  Gebildeten  literarische  Berühmtheit ­
  erlangt.  Für  die  ersteren  war,  abgesehen  davon,  dass  derselbe
gründliche  historische  Studien  verrieth,  der  Umstand  zumeist  entscheidend, ­
  dass  eben  eine  Akademie  den  Discours  gekrönt  habe,  die
letztere  wurde  gefesselt  durch  geistreiche  Wendungen,  brillante
Darstellung,  oratorischen  Schwung,  insbesondere  aber  durch  die  unbewusst ­
  wirkende  Thatsache,  dass  der  Autodidakt  Rousseau  doch
fern  von  allem  eigentlich  gelehrten  Apparat  war.  Der  Erfolg  hebt
das  Gemiith,  aber  unter  seiner  Mitwirkung  gelangen  auch  üble  Eigenschaften ­
  zur  Reife.  Oder  sind  Verfassereitelkeit,  der  Wunsch  zu  gefallen, ­
  d.  h.  dem  Publikum  zu  dienen,  so  unbekannte  Dinge?  Gar
nicht  zu  reden  von  Gewinnsucht  und  Büchermacherei,  Eifersucht  und
Neid.  Rousseau  hatte  zwar  anfänglich  einige  Misserfolge  erlebt 2 ),
aber  sie  waren  durch  den  nachfolgenden  Glanz  des  literarischen  und
künstlerischen  Ruhmes  bald  verdunkelt  worden.  Es  war  also  nöthig,
dass  die  moralische  Resignation,  von  welcher  seine  Handlungen  Zeugniss
  gegeben  hatten,  einer  Erwägung  zu  Hilfe  eile,  welche  zunächst
auf  den  Werth  des  Mannes,  dann  auf  den  Werth  der  Leistung  Einfluss ­
  übt,  der  Erwägung  nämlich:  von  welchem  Motiv  ein  solches
Wirken  getragen  sein  müsse.
Dieser  ernste  Gedanke,  zu  welchem  trotz  des  Rausches,  in  den
der  grosse  Erfolg  seines  Auftretens  ihn  versetzen  konnte,  ein  Mann
hingelenkt  werden  musste,  mit  dessen  grundsätzlicher  Resignation
das  Leben  in  Übereinstimmung  gebracht  werden  sollte,  trat  nichts-*)

  Siehe  5.  Capitel.
*)  Ebendas.
            
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