J. J. Rousseau’s Leben
421
Folgen ergaben, die vollste Beruhigung i). Man muss Rousseau anklagen,
dass er mehr Math hatte, seine Anschauung consequent zu
verfolgen und auf seine Handlungsweise anzuwenden 2), als Scharfsinn,
um seine Mangelhaftigkeit zu erkennen. Die Worte in Emile
lassen zwar Spuren leiser Zweifel erkennen, aber sie haben keine
nachhaltige Wirkung für sein Denken gehabt.
Der Mangel an Unbefangenheit ist der Grund jener moralischen
Einbildung Rousseau’s, von welcher schon früher die Rede war. Nur
so wird es erklärlich, wie Rousseau noch in seinen Bekenntnissen,
d. h. in seinem Alter, hart neben das Geständniss der Behandlung
seiner Kinder Worte setzt, durch welche er sich selbst das grösste
Lob spendet s). Er sei nicht von Hause aus schlecht, er habe Wärme
des Gefühls, Leichtigkeit, sich liebend hinzugeben, ein angebornes
Wohlwollen für die Nebenmenschen, Eifer für das Grosse, Wahre,
Schöne und Gute, Abscheu vor allem Bösen, er sei unfähig zu hassen
und zu schaden und werde lebhaft erregt beim Anblicke dessen, was
tugendhaft, edel und liebenswerth ist. Der Mangel an Unbefangenheit
ist ferner jenes Dritte, auf welches oben hingedeutet wurde.
Die Kraft, welche das Streben Rousseau’s nach äusserlicher und
innerlicher Unabhängigkeit zugleich an den Tag legt, fordert unsere
Bewunderung heraus, aber sie legt uns auch an's Herz, wie schwer
die Erreichung beider zugleich ist, und Rousseau scheint durch die
Behandlung seiner Kinder uns nur zu lehren, dass die äusserliche
Unabhängigkeit, wenn sie mit der innerlichen um jeden Preis soll
bestehen können, gerade wie die innerliche jener nie erreichbaren
Curve gleicht. Was sich endlich nicht leugnen lässt: es kann von
keinem zur völligen Herrschaft gelangten Sinn für das Gute die Rede
sein, wenn das Unabhängigkeitsstreben die Pflichten vergisst.
Man darf nicht vergessen, dass seine Kinder gerade in der Zeit dem Findelhause
übergeben wurden, als er in der Blüthe seiner Mannesjahre und von dem neugefundenen
Gedanken noch ganz voll war.
2 ) Ohne diesen Muth wäre es auch Rousseau unmöglich gewesen, seine Sünden in
den Bekenntnissen vor aller Welt aiiszuplaudern und ohne diesen Muth würde
dieser ganzen Darstellung eine wesentliche Unterlage fehlen.
3 ) 1. p. 18a. Der Leser der Confessions weiss, dass ähnliche Löbsprüche wiederholt
werden, auf die bisher wenig Rücksicht genommen worden ist. Jedenfalls dient
diese eclatante Stelle statt vieler.
Silzb. d. phil.-hist. CI. LXI1I. Bd. UI. Hft.
28