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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben

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Folgen  ergaben,  die  vollste  Beruhigung  i).  Man  muss  Rousseau  anklagen,
  dass  er  mehr  Math  hatte,  seine  Anschauung  consequent  zu
verfolgen  und  auf  seine  Handlungsweise  anzuwenden  2),  als  Scharfsinn, ­
  um  seine  Mangelhaftigkeit  zu  erkennen.  Die  Worte  in  Emile
lassen  zwar  Spuren  leiser  Zweifel  erkennen,  aber  sie  haben  keine
nachhaltige  Wirkung  für  sein  Denken  gehabt.
Der  Mangel  an  Unbefangenheit  ist  der  Grund  jener  moralischen
Einbildung  Rousseau’s,  von  welcher  schon  früher  die  Rede  war.  Nur
so  wird  es  erklärlich,  wie  Rousseau  noch  in  seinen  Bekenntnissen,
d.  h.  in  seinem  Alter,  hart  neben  das  Geständniss  der  Behandlung
seiner  Kinder  Worte  setzt,  durch  welche  er  sich  selbst  das  grösste
Lob  spendet  s).  Er  sei  nicht  von  Hause  aus  schlecht,  er  habe  Wärme
des  Gefühls,  Leichtigkeit,  sich  liebend  hinzugeben,  ein  angebornes
Wohlwollen  für  die  Nebenmenschen,  Eifer  für  das  Grosse,  Wahre,
Schöne  und  Gute,  Abscheu  vor  allem  Bösen,  er  sei  unfähig  zu  hassen
und  zu  schaden  und  werde  lebhaft  erregt  beim  Anblicke  dessen,  was
tugendhaft,  edel  und  liebenswerth  ist.  Der  Mangel  an  Unbefangenheit ­
  ist  ferner  jenes  Dritte,  auf  welches  oben  hingedeutet  wurde.
Die  Kraft,  welche  das  Streben  Rousseau’s  nach  äusserlicher  und
innerlicher  Unabhängigkeit  zugleich  an  den  Tag  legt,  fordert  unsere
Bewunderung  heraus,  aber  sie  legt  uns  auch  an's  Herz,  wie  schwer
die  Erreichung  beider  zugleich  ist,  und  Rousseau  scheint  durch  die
Behandlung  seiner  Kinder  uns  nur  zu  lehren,  dass  die  äusserliche
Unabhängigkeit,  wenn  sie  mit  der  innerlichen  um  jeden  Preis  soll
bestehen  können,  gerade  wie  die  innerliche  jener  nie  erreichbaren
Curve  gleicht.  Was  sich  endlich  nicht  leugnen  lässt:  es  kann  von
keinem  zur  völligen  Herrschaft  gelangten  Sinn  für  das  Gute  die  Rede
sein,  wenn  das  Unabhängigkeitsstreben  die  Pflichten  vergisst.

Man  darf  nicht  vergessen,  dass  seine  Kinder  gerade  in  der  Zeit  dem  Findelhause
übergeben  wurden,  als  er  in  der  Blüthe  seiner  Mannesjahre  und  von  dem  neugefundenen ­
  Gedanken  noch  ganz  voll  war.
2 )  Ohne  diesen  Muth  wäre  es  auch  Rousseau  unmöglich  gewesen,  seine  Sünden  in
den  Bekenntnissen  vor  aller  Welt  aiiszuplaudern  und  ohne  diesen  Muth  würde
dieser  ganzen  Darstellung  eine  wesentliche  Unterlage  fehlen.
3 )  1.  p.  18a.  Der  Leser  der  Confessions  weiss,  dass  ähnliche  Löbsprüche  wiederholt
werden,  auf  die  bisher  wenig  Rücksicht  genommen  worden  ist.  Jedenfalls  dient
diese  eclatante  Stelle  statt  vieler.

Silzb.  d.  phil.-hist.  CI.  LXI1I.  Bd.  UI.  Hft.

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