Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau's  Leben.

419

Armutli,  noch  Arbeit,  noch  menschliche  Rücksichten  entbinden  ihn
der  Pflicht,  seine  Kinder  zu  ernähren  und  zu  erziehen“.  Es  waren
aber  noch  drei  andere  Gründe  mit.  im  Spiele.  Fraglich  wird  es  bleiben, ­
  oh  er  aller  drei  als  mitwirkend  sich  bewusst  war,  und  noch
fraglicher,  ob  sie  ihm  von  seinem  Standpunkte  aus  verwerflich  erschienen. ­
  Rousseau  hatte  sich  in  seiner  Jugend  Jahre  hindurch  daran
gewöhnt,  das  Vergnügen  des  geschlechtlichen  Umgangs  zu  gemessen,
ohne  die  Pflichten  der  Ehe  damit  zu  verbinden,  und  weit  entfernt,
etwas  Arges  darin  zu  erblicken,  nennt  er  vielmehr  jene  Jugendperiode
das  kurze  Glück  seines  Lebens,  ein  Glück,  an  welchem  jene  Freuden
nicht  gerade  den  kleinsten  Antheil  hatten  <).  Das  aber  fühlte  er  ganz
gut,  dass  die  Sorgen  für  die  Kinder  ihn  in  eine  Abhängigkeit  versetzt ­
  hätten,  die  er  mehr  als  alles  andere  hasste.  Protectionen,  Ränke,
Bettelkünste  seien,  wie  sich  die  Sache  nach  den  Eingebungen  seiner
Phantasie  darstellte,  nöthig,  um  irgend  ein  garstiges  Amt  zu  erschleichen; ­
  und,  indem  die  äusserliche  und  innerliche  Abhängigkeit
zu  einem  einzigen  Bilde  vereinigt  wird,  er  müsste  das  Amt  ausheuten,
damit  es  ihn  ernähre,  mit  Niederträchtigkeiten  sich  befassen,
vor  denen  er  einen  gerechten  Abscheu  habe  und  den  Kindern  ein
betrügerischer  Vater  sein  2 ).  Was  endlich  noch  zu  berücksichtigen
ist:  die  neugewonnene  Anschauung  trug  selbst  dazu  bei,  das  etwa
erwachende  Gewissen  wieder  zur  Ruhe  zu  bringen  und  seinem  glücklichen ­
  Jugendleben  durch  theoretische  Gründe  gewissermassen  die
Sanction  zu  verleihen.  Nicht  dass  das  geschlechtliche  Vergnügen
unter  allen  übrigen  seiner  Folgen  wegen  eine  ungewöhnliche  Stellung
einnähme,  und  dem  nach  innerlicher  Unabhängigkeit  Ringenden  Gelegenheit ­
  gäbe,  grade  wie  bei  den  übrigen  einen  muthigen  Kampf
gegen  sich  selbst  zu  wagen  s):  nein!  hier  gibt  es  keinen  Kampf,
sondern  nur  die  Befolgung  eines  unschädlichen 4 )  Naturgebots.  Die

*)  Siehe  oben  das  3.  Capitel.
2 )  Siehe  den  oben  angeführten  Brief  an  Madame  Francueil.
8 )  Ein  gesundes  Gefühl  hatte  der  Mad.  Fraucueil  jenem  Briefe  Rousseau's  zufolge ­
  das  ganz  einfache  Argument  dictirt:  man  muss  keine  Kinder  in  die  Welt
setzen,  rvenn  man  sie  nicht  ernähren  kann.
4 )  Rousseau  gebraucht  diesen  Ausdruck  zwar  nicht,  er  entspricht  aber  vollkommen
seiner  Anschauung  und  Gewohnheit  wie  den  Sitten  seiner  Zeit,  weiche  geschlechtliche ­
  Freiheiten  so  leicht  nahm  und  gegen  welche  Rousseau  gleichwohl ­
  heftig  eiferte,  siehe  I.  p.  227  und  0.  Capitel.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.