J. J. Rousseau's Leben.
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Armutli, noch Arbeit, noch menschliche Rücksichten entbinden ihn
der Pflicht, seine Kinder zu ernähren und zu erziehen“. Es waren
aber noch drei andere Gründe mit. im Spiele. Fraglich wird es bleiben,
oh er aller drei als mitwirkend sich bewusst war, und noch
fraglicher, ob sie ihm von seinem Standpunkte aus verwerflich erschienen.
Rousseau hatte sich in seiner Jugend Jahre hindurch daran
gewöhnt, das Vergnügen des geschlechtlichen Umgangs zu gemessen,
ohne die Pflichten der Ehe damit zu verbinden, und weit entfernt,
etwas Arges darin zu erblicken, nennt er vielmehr jene Jugendperiode
das kurze Glück seines Lebens, ein Glück, an welchem jene Freuden
nicht gerade den kleinsten Antheil hatten <). Das aber fühlte er ganz
gut, dass die Sorgen für die Kinder ihn in eine Abhängigkeit versetzt
hätten, die er mehr als alles andere hasste. Protectionen, Ränke,
Bettelkünste seien, wie sich die Sache nach den Eingebungen seiner
Phantasie darstellte, nöthig, um irgend ein garstiges Amt zu erschleichen;
und, indem die äusserliche und innerliche Abhängigkeit
zu einem einzigen Bilde vereinigt wird, er müsste das Amt ausheuten,
damit es ihn ernähre, mit Niederträchtigkeiten sich befassen,
vor denen er einen gerechten Abscheu habe und den Kindern ein
betrügerischer Vater sein 2 ). Was endlich noch zu berücksichtigen
ist: die neugewonnene Anschauung trug selbst dazu bei, das etwa
erwachende Gewissen wieder zur Ruhe zu bringen und seinem glücklichen
Jugendleben durch theoretische Gründe gewissermassen die
Sanction zu verleihen. Nicht dass das geschlechtliche Vergnügen
unter allen übrigen seiner Folgen wegen eine ungewöhnliche Stellung
einnähme, und dem nach innerlicher Unabhängigkeit Ringenden Gelegenheit
gäbe, grade wie bei den übrigen einen muthigen Kampf
gegen sich selbst zu wagen s): nein! hier gibt es keinen Kampf,
sondern nur die Befolgung eines unschädlichen 4 ) Naturgebots. Die
*) Siehe oben das 3. Capitel.
2 ) Siehe den oben angeführten Brief an Madame Francueil.
8 ) Ein gesundes Gefühl hatte der Mad. Fraucueil jenem Briefe Rousseau's zufolge
das ganz einfache Argument dictirt: man muss keine Kinder in die Welt
setzen, rvenn man sie nicht ernähren kann.
4 ) Rousseau gebraucht diesen Ausdruck zwar nicht, er entspricht aber vollkommen
seiner Anschauung und Gewohnheit wie den Sitten seiner Zeit, weiche geschlechtliche
Freiheiten so leicht nahm und gegen welche Rousseau gleichwohl
heftig eiferte, siehe I. p. 227 und 0. Capitel.