J. J. Rousseau’s Leben.
417
Das Bild hat jedoch seine Kehrseite, und es scheint nicht anders,
als oh jene innerliche Unabhängigkeit einer Curve gleichen müsste,
welcher die Asymptote des menschlichen Strebens sich nur nähern,
aber nie sie erreichen könne. Rousseau hatte bald nach seiner Rückkehr
von Venedig ein Mädchen gefunden, welches seine bleibende
Lebensgefährtin werden sollte. Therese Levasseur war ein „gefühlvolles,
einfaches, ungeziertes“ Mädchen i), aber nicht imStande,
ordentlich zu lesen, die Uhr zu erkennen, die Monate des Jahres sich
zu merken, mit einem Wort: eine „dumme Person“ 2 ). In der Bezeichnung
dieser Geliebten ging er um einen Verwandtschaftsgrad
weiter: er nannte sie „Tante“. Mehr als zwei Jahrzehnte lebte der
Naturfreund mit ihr in natürlicher Ehe 8 ). Aus dieser Verbindung
gingen fünf Kinder hervor 4 ). Sie wurden insgesammt dem Findelhause
übergeben, und, damit auch die Möglichkeit einer Verbindung
der Eltern mit ihren Kindern abgeschnitten sei, nicht einmal Gegenmarken
genommen 8 ). Das dritte Kind wurde ihm im Jahre 1750
geboren, zu einer Zeit also, da die Gedanken seines preisgekrönten
Discours lebhaft sein Gemüth bewegten, und in welcher er nach
Man muss in ihm die Macht des Schöpfers loben.
Der schwachen Thon zu solcher Ehre bringt:
Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben
Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt:
Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen,
Und sagen: Das ist er, das ist sein eigen!
Die, welche die Bedeutung dieser Handlung ignoriren oder bei Rousseau nur
immer von Eitelkeit reden, haben Recht. Frömmler und Neider können natürlich
mit keinen anderen Augen als ihren eigenen sehen.
*) I. p. 170.
2 ) Personne stupide I. p. 171. Wem es etwa auffällig erscheinen möchte, dass
Rousseau in jüngeren Jahren bezüglich des weiblichen Umgangs so anspruchsvoll
war und jetzt so genügsam wurde, der möge doch bedenken, dass Männer, welche
einer gewaltigen geistigen Anstrengung fähig sind, die Unterhaltung „dummer“
Frauen eine erwünschte, wenn nicht gar gesuchte Erholung sein kann. Mozart
conferirte nach den Mühen des Tages mit einem Hausmeister. Vielleicht Hessen
sich dieser Beispiele mehrere auffinden.
Rousseau erklärte ihr Anfangs (I. p. 170), dass er sie nie verlassen, aber auch
nie heirathen würde.
4 ) I. p. 185.
5 ) Nur bei dem ersten Kinde war dies nicht der Fall. Aber auch diese Marke war
ihm, als späterhin die Mad. de Luxembourg aus Menschenfreundlichkeit sie begehrte,
in Verlust gerathen. I. p. 294.