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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben.

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Das  Bild  hat  jedoch  seine  Kehrseite,  und  es  scheint  nicht  anders,
als  oh  jene  innerliche  Unabhängigkeit  einer  Curve  gleichen  müsste,
welcher  die  Asymptote  des  menschlichen  Strebens  sich  nur  nähern,
aber  nie  sie  erreichen  könne.  Rousseau  hatte  bald  nach  seiner  Rückkehr ­
  von  Venedig  ein  Mädchen  gefunden,  welches  seine  bleibende
Lebensgefährtin  werden  sollte.  Therese  Levasseur  war  ein  „gefühlvolles, ­
  einfaches,  ungeziertes“  Mädchen  i),  aber  nicht  imStande,
ordentlich  zu  lesen,  die  Uhr  zu  erkennen,  die  Monate  des  Jahres  sich
zu  merken,  mit  einem  Wort:  eine  „dumme  Person“  2 ).  In  der  Bezeichnung ­
  dieser  Geliebten  ging  er  um  einen  Verwandtschaftsgrad
weiter:  er  nannte  sie  „Tante“.  Mehr  als  zwei  Jahrzehnte  lebte  der
Naturfreund  mit  ihr  in  natürlicher  Ehe  8 ).  Aus  dieser  Verbindung
gingen  fünf  Kinder  hervor 4 ).  Sie  wurden  insgesammt  dem  Findelhause ­
  übergeben,  und,  damit  auch  die  Möglichkeit  einer  Verbindung
der  Eltern  mit  ihren  Kindern  abgeschnitten  sei,  nicht  einmal  Gegenmarken ­
  genommen 8 ).  Das  dritte  Kind  wurde  ihm  im  Jahre  1750
geboren,  zu  einer  Zeit  also,  da  die  Gedanken  seines  preisgekrönten
Discours  lebhaft  sein  Gemüth  bewegten,  und  in  welcher  er  nach

Man  muss  in  ihm  die  Macht  des  Schöpfers  loben.
Der  schwachen  Thon  zu  solcher  Ehre  bringt:
Doch  wenn  ein  Mann  von  allen  Lebensproben
Die  sauerste  besteht,  sich  selbst  bezwingt:
Dann  kann  man  ihn  mit  Freuden  andern  zeigen,
Und  sagen:  Das  ist  er,  das  ist  sein  eigen!
Die,  welche  die  Bedeutung  dieser  Handlung  ignoriren  oder  bei  Rousseau  nur
immer  von  Eitelkeit  reden,  haben  Recht.  Frömmler  und  Neider  können  natürlich
mit  keinen  anderen  Augen  als  ihren  eigenen  sehen.
*)  I.  p.  170.
2 )  Personne  stupide  I.  p.  171.  Wem  es  etwa  auffällig  erscheinen  möchte,  dass
Rousseau  in  jüngeren  Jahren  bezüglich  des  weiblichen  Umgangs  so  anspruchsvoll
war  und  jetzt  so  genügsam  wurde,  der  möge  doch  bedenken,  dass  Männer,  welche
einer  gewaltigen  geistigen  Anstrengung  fähig  sind,  die  Unterhaltung  „dummer“
Frauen  eine  erwünschte,  wenn  nicht  gar  gesuchte  Erholung  sein  kann.  Mozart
conferirte  nach  den  Mühen  des  Tages  mit  einem  Hausmeister.  Vielleicht  Hessen
sich  dieser  Beispiele  mehrere  auffinden.
Rousseau  erklärte  ihr  Anfangs  (I.  p.  170),  dass  er  sie  nie  verlassen,  aber  auch
nie  heirathen  würde.
4 )  I.  p.  185.
5 )  Nur  bei  dem  ersten  Kinde  war  dies  nicht  der  Fall.  Aber  auch  diese  Marke  war
ihm,  als  späterhin  die  Mad.  de  Luxembourg  aus  Menschenfreundlichkeit  sie  begehrte, ­
  in  Verlust  gerathen.  I.  p.  294.
            
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