Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

412

Vogt

Wahrheiten  als  Irrtlrümer  zu  verurtheilen  und  gleich  wie  Instanzen
angerufene  Sätze  als  Vorurtheile  zu  entlarven  fähig  sein  wird.
Es  ist  ein  natürlicher  Fortgang,  Grundsätze  aufzustellen  und
Grundsätze  in  Anwendung  zu  bringen.  Für  den,  der  schon  längst
durch  Vaterland,  Charakter  und  Lebensweise  in  der  Pariser  Welt  und
französischen  Gesellschaft  sich  fremd  fühlte,  war  es  vollends  etwas
Natürliches,  nicht  auf  halbem  Wege  stehen  zu  bleiben  und  allenfalls
den  Weg  der  Verbesserung  selbst  zu  zeigen.  Es  fragt  sich  nur:  wird
der  Mann  den  Mutli  haben,  die  Grundsätze,  die  sich  ihm  aus  der  neu
gewonnenen  Anschauung  ergeben,  auf  sich  selbst  anzuwenden  und
den  Menschen  das  seltene  Beispiel  eines  Mannes  zu  gewähren,  der
zu  lehren,  zu  schreiben  und  zugleich  seinen  Lehren  gemäss  zu
leben  versteht?  Wird  er,  wenn  auch  nicht  den  Bedürfnissen  der  überquellenden ­
  luxuriösen  Verfeinerung,  die  er  ohnedies  nicht  liebt,  doch
den  angewöhnten  Bedürfnissen  gegenüber  das  harte  Wort  Entbehrung ­
  auf  die  Tagesordnung  seiner  Lebensweise  zu  setzen  und  durchzuführen ­
  im  Stande  sein?  Wird  er  die  Kraft  haben,  um  die  in  der
Einfachheit  erblickte  Verbesserung  der  Sitten  an  sich  selbst  zu  erproben, ­
  die  verlockenden  Aussichten,  die  als  Tribut  seines  Talents  ihm
entgegeneilen,  seinen  Grundsätzen  zum  Opfer  zu  bringen,  trotz  der
Fesseln  der  Convenienz  und  dem  Gespötte  der  Leute?  Rousseau  hat
diesen  Mulh  in  höherem  Grade  besessen,  als  den  Scharfsinn,  der  ihm
seine  Grundanschauung  entdecken  half.
Als  sein  Discours  über  die  Wissenschaften  und  Künste,  welcher
jene  Preisaufgabe  zu  lösen  suchte,  im  folgenden  Jahre  von  der
Dijoner  Akademie  wirklich  den  Preis  erhielt,  wurden  die  Gefühle,
die  ihn  auf  dem  Wege  nach  Vincennes  heftig  bewegt  hatten,  mit
grosser  Lebhaftigkeit  wieder  aufgeregt  und  der  Gedanke,  dem  besseren ­
  Theile  seines  Ichs  die  vollkommene  Führung  des  Lebens  anzuvertrauen, ­
  begegnete  dem  Wunsche  ihn  auszuführen  •).  Es  ist
nur  die  Frage,  ob  der  literarische  Ruhm,  den  ihm  diese  Preisschrift
verschaffte  a ),  ein  gutes  Mittel  sei,  um  den  Wunsch  nach  stiller

1 )  I.  p.  184:  Je  ne  trouvai  plus  rien  de  grand  et  de  beau  que  d’etre  libre  et  vertueux,
au-dessus  de  la  fortune  et  de  l’opinion  et  de  suffire  a  soi  meme.
2)  Die  Vorbemerkung  jenes  Discours  beginnt  mit  den  Worten:  Qu’est  ce  que  la
celebrite?  Voici  la  malheureux  ouvrage,  ä  qui  je  dois  la  mienne.  I.  p.  465.  Unter
den  zahlreichen  Gegenschriften,  welche  derselbe  erfuhr,  ragt  die  des  Königs  von
Polen  hervor s  welcher  Rousseau  eine  ausführliche  Erwiederung  widmete.  1.  p.  483  f.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.