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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

Wunder,  wenn  er  galante  Redensarten  mit  freundschaftlichen  Ergiessungen
  verwechselte  und  statt  des  erwarteten  Wohlwollens
bittere  Enttäuschungen  erlebte  i),  kein  Wunder,  wenn  er  ein  einsames ­
  Leben  dem  Umgänge  mit  angeblichen  Freunden  vorzog  und
einer  Welt  entsagte,  für  die  er  nicht  geschaffen  war  2 ).  Was  aber
zunächst  von  grösserer  Wichtigkeit  war,  ist  der  Umstand,  dass  er
sich  bewusst  wurde,  sein  Talent  dürfte  wohl  im  Staude  sein,  ihm,
frei  von  äusserlicher  Abhängigkeit,  die  Mittel  in  die  Hände  zu  liefern,
welche  der  Lebensunterhalt  erfordert  s).  Diese  Hilfsquelle  war
freilich  auch  zugleich  eine  Quelle  von  Gefahren.  Ist  nicht  zu  fürchten,
dass  der,  welcher  still  aber  gewaltig  durch  seine  Handlungen  zu
imponiren  weiss,  dann,  wenn  der  Kampf  über  jene  innerlichen  Herren
der  Entscheidung  sich  nähert,  neuen  Herren  unterwürfig  wird,  während ­
  er  andern  entflieht?
Rousseau  nahm  zunächst  seinen  schon  früher  gemachten  Entwurf ­
  der  Muses  galantes  wieder  in  die  Hände  und  brachte  innerhalb
drei  Monaten  alle  drei  Acte,  Text  und  Musik,  zur  Vollendung  4 ),  —
zum  Beweise,  dass  es  Rousseau  durch  hartnäckige  Anstrengung  gelungen ­
  war,  die  Logik  der  Musik  so  weit  sich  anzueignen,  um  sie
für  die  Anwendung  in  Dienst  zu  nehmen.  Das  Stück  wird  nach
vielen  Mühen  in  Gegenwart  Rarneau’s  hei  dem  Intendanten  aufgeführt. ­
  Der  Beifall  ist  getheilt  und  Rousseau  muss  sich  herbeilassen,
an  die  Stelle  des  zweiten  Actes  einen  neuen  zu  dichten  und  zu  eomponiren.
  Nach  einer  abermaligen  Arbeit  von  drei  Wochen  und  nach
abermaligen  Bemühungen  gelang  es  der  Vermittlung  eines  befreundeten ­
  Mannes,  dass  es  zur  Probe  angenommen  wurde,  aber  nur  zur
Probe.  Rousseau  zog  dasselbe,  sei  es  nun  dass  das  missgünstige
Urtheil  Rameau's  ihm  im  Wege  stand,  sei  es  dass  er  nach  der  Selbst-’)

  Die  beständige  Vertraulichkeit  brachte  Rousseau  in  eine  ganz  schiefe  Stellung
gegenüber  von  Weltmännern  wie  Grimm  u.  A.  Er  hielt  sie  für  Freunde,  die  es  nie
gewesen  waren  und  hielt  sich  für  enttäuscht  von  Leuten,  die  ihm  nie  ihr  Herz
sondern  nur  freundliche  Redensarten  entgegengetragen  hatten.
2 )  „Rousseau  war  nur  durch  die  Sprache  Franzose“.  Schlosser  a.  a.  0.  11.  S.  438.
3 )  I.  p.  170:  Je  resolus  de  ne  plus  m’attacher  ä  personne,  mais  de  rester  dans
rimlependence  en  tirant  parti  de  mes  talens,  dont  enfin  je  commenfois  a  sentir  la
mesure,  et  dont  j’avois  Irop  modestement  pense  jusque  alors.
*)  I-  P-  172.
            
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