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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

kaum,  dass  die  Aufgabe,  die  er  sich  gestellt  halte,  eine  ungeheuere
war  und  dass  nicht  bloss  Muth  sondern  auch  Scharfsinn,  ja  sogar
noch  ein  Drittes  dazugehöre,  um  sie  auch  nur  annäherungsweise
lösen  zu  können.  Er  hatte  das  menschliche  Getriebe  soweit  durchschaut, ­
  um  die  verschiedenartige  Moral  zu  erkennen,  welche  von
Mächtigen  gehandhabt  wird  und  von  gemeinen  Leuten  zu  handhaben
ist,  wenn  er  auch  nicht  den  Grund  ausdrücklich  bemerkt,  dass  aus
einer  verhältnissmässig  wachsenden  moralischen  Schwäche  der
erstem  der  Missbrauch  der  Macht  sich  ganz  natürlich  entwickelt;
seine  Meinung  von  der  Gewohnheit  der  Mächtigen,  die  Gerechtigkeit
nach  dem  italienischen  Sprüchwort  nur  im  fremden  Hause  zu  liehen,
wurde  durch  spätere  Erfahrungen  befestigt 1 ).  Diese  Anschauungen
und  Erfahrungen  wirkten  wie  ein  Stachel,  jeder  Beschäftigung  im
Dienste  eines  Mächtigen  aus  dem  Wege  zu  gehen.  Für  einen  geweckten ­
  und  rührigen  Geist  ist  es  freilich  nicht  gar  schwierig,  die
Beschäftigung  zu  wechseln  und  für  den,  dem  es  in  verschiedenen
Dingen  weder  an  Einsicht  noch  Umsicht  fehlt,  wird  wohl  eine  Beschäftigung ­
  noch  zu  finden  sein,  welche  es  möglich  macht,  jenem
Dienste  auszuweichen.  Gelingt  es,  auf  diese  Weise  sich  Unabhängigkeit ­
  zu  erringen,  so  hört  die  Bewegung  des  Steines,  der  einmal
ins  Rollen  gerathen  ist,  nicht  auf.  Dem  Lossagen  von  äusserlichen
Herren  folgt  das  von  innerlichen  nach.  Es  muss  Hand  an  die  gewohnten ­
  Bedürfnisse  gelegt  werden,  um  sie  zu  beschränken,  und  es
müssen  die  Reizmittel  verachtet  werden,  welche  deren  Wachsthum
begünstigen  können.  Es  wird  unausbleiblich,  mit  allem  Luxus  gründlich ­
  zu  brechen.  Nur  Schade:  das  blosse  Lossagen  von  äusserlichen
und  innerlichen  Herren,  diese  blosse  gegen  das  eigene  Ich  gerichtete
Negation  lässt  im  Innern  eine  Leerheit  zurück,  welche  dem,  der  nach
wahrer  Unabhängigkeit  strebt,  nicht  lange  verborgen  bleiben  kann.
Der  Muth,  der  ungerechten  Macht  zu  trotzen;  noch  mehr,  der  Muth,

*)  Rousseau  wurde  durch  einen  Act  der  Willkür  der  Preis  entzogen,  den  er  sich  für
seine  Oper  ausbedungen  hatte.  „Bei  einem  Schwachen  ,  bemerkt  er  hiebei,
gegenüber  einem  Starken  heisst  dies  Diebstahl,  bei  dem  Starken  gegenüber  dem
Schwachen  nennt  man  es  bloss  Aneignung  des  fremden  Gutes“  (I.  p.  201).  Ein
anderes  Factum  ergibt  sich  aus  dem  Briefe  an  den  Grafen  Lastic  vom  20.  December
1754  (IV.  p.  218),  welcher  einen  seiner  Frau  gehörigen  Korb  mit  Butter  annectirt
hatte,  weil  ihm  „Gerechtigkeit  und  Menschlichkeit  abgedroschene  Redensarten
seien“.  Das  italienische  Sprichwort  eitirt  Rousseau  I.  p.  201.
            
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