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Vogt
kaum, dass die Aufgabe, die er sich gestellt halte, eine ungeheuere
war und dass nicht bloss Muth sondern auch Scharfsinn, ja sogar
noch ein Drittes dazugehöre, um sie auch nur annäherungsweise
lösen zu können. Er hatte das menschliche Getriebe soweit durchschaut,
um die verschiedenartige Moral zu erkennen, welche von
Mächtigen gehandhabt wird und von gemeinen Leuten zu handhaben
ist, wenn er auch nicht den Grund ausdrücklich bemerkt, dass aus
einer verhältnissmässig wachsenden moralischen Schwäche der
erstem der Missbrauch der Macht sich ganz natürlich entwickelt;
seine Meinung von der Gewohnheit der Mächtigen, die Gerechtigkeit
nach dem italienischen Sprüchwort nur im fremden Hause zu liehen,
wurde durch spätere Erfahrungen befestigt 1 ). Diese Anschauungen
und Erfahrungen wirkten wie ein Stachel, jeder Beschäftigung im
Dienste eines Mächtigen aus dem Wege zu gehen. Für einen geweckten
und rührigen Geist ist es freilich nicht gar schwierig, die
Beschäftigung zu wechseln und für den, dem es in verschiedenen
Dingen weder an Einsicht noch Umsicht fehlt, wird wohl eine Beschäftigung
noch zu finden sein, welche es möglich macht, jenem
Dienste auszuweichen. Gelingt es, auf diese Weise sich Unabhängigkeit
zu erringen, so hört die Bewegung des Steines, der einmal
ins Rollen gerathen ist, nicht auf. Dem Lossagen von äusserlichen
Herren folgt das von innerlichen nach. Es muss Hand an die gewohnten
Bedürfnisse gelegt werden, um sie zu beschränken, und es
müssen die Reizmittel verachtet werden, welche deren Wachsthum
begünstigen können. Es wird unausbleiblich, mit allem Luxus gründlich
zu brechen. Nur Schade: das blosse Lossagen von äusserlichen
und innerlichen Herren, diese blosse gegen das eigene Ich gerichtete
Negation lässt im Innern eine Leerheit zurück, welche dem, der nach
wahrer Unabhängigkeit strebt, nicht lange verborgen bleiben kann.
Der Muth, der ungerechten Macht zu trotzen; noch mehr, der Muth,
*) Rousseau wurde durch einen Act der Willkür der Preis entzogen, den er sich für
seine Oper ausbedungen hatte. „Bei einem Schwachen , bemerkt er hiebei,
gegenüber einem Starken heisst dies Diebstahl, bei dem Starken gegenüber dem
Schwachen nennt man es bloss Aneignung des fremden Gutes“ (I. p. 201). Ein
anderes Factum ergibt sich aus dem Briefe an den Grafen Lastic vom 20. December
1754 (IV. p. 218), welcher einen seiner Frau gehörigen Korb mit Butter annectirt
hatte, weil ihm „Gerechtigkeit und Menschlichkeit abgedroschene Redensarten
seien“. Das italienische Sprichwort eitirt Rousseau I. p. 201.